Mit Kristin Skottki:
Wir sind im Jahr 1095. Der Gang nach Canossa war 18 Jahre her, und der Salier Heinrich IV. regierte immer noch. Allerdings hatte sein welthistorischer Konflikt mit Papst Gregor VII. einen Keil zwischen die deutschen Fürsten getrieben. Sie waren entweder Gegner oder Anhänger Heinrichs. Seine Gegner wählten einen deutschen Gegenkönig: Rudolf von Rheinfelden. Mit ihm lieferte sich Heinrich erbitterte Kämpfe. Heinrich wiederum, akzeptierte den Nachfolger von Papst Gregor nicht und ernannte einen Gegenpapst. Um es kurz zu machen: Maximales Chaos.
Ein Zeitgenosse schrieb: „Oh beklagenswertes Antliz des Reiches:“ … „`Alle sind wir doppelt`, so sind nun die Päpste verdoppelt, die Bischöfe verdoppelt, die Könige verdoppelt, die Herzöge verdoppelt.“
Und in dieses Chaos hinein verschaffte sich Papst Urban II. – das war nicht Heinrichs Papst, sondern sein Gegner – mit einer damals sensationellen Idee Gehör:
Er rief die Christenheit dazu auf, in einem militärischen Zug nach Palästina das Heilige Land vom Zugriff der Muslime zu befreien. Er war selbst überrascht von der unerwarteten begeisterten Resonanz. Papst Urban II. hatte den offiziellen Starttermin auf den 15. August 1096 gelegt. Zu diesem Abmarschtermin wurde europaweit ein erfahrenes Ritterheer zusammengestellt, um Jerusalem von der muslimischen Herrschaft zu befreien. Wahrscheinlich waren es 80.000 Menschen, darunter 7000 Ritter. Unter dem Motto „Gott will es!“ versprach der Papst für die Teilnahme am Kreuzzug die Tilgung aller Sünden: „Es sollte Euch kein Besitz festhalten, kein Kummer der Familie, denn dieses Land, das Ihr bewohnt,…,wird viel zu eng durch Eure hohe Bevölkerungszahl…Macht Euch auf den Weg zum Heiligen Grab, entreißt jenes Land dem ruchlosen Volk, unterwerft es Euch ; jenes Land ist den Söhnen Israels von Gott in Besitz gegeben worden, ein Land, wie die Schrift sagt, in dem Milch und Honig fließt.“ Diese Aussichten motivierten nicht nur die ausgebildeten Kämpfer des mittleren und hohen Adels, sondern erreichte auch die sorgen- und sündenbeladenen einfachen Menschen.
Viele Prediger und Kreuzritter prophezeiten den armen Menschen den Weltuntergang und versprachen das ewige Leben, wenn sie sich ihnen anschlössen. In der ersten Welle des Kreuzzuges kam es in Speyer, Worms und Mainz zu den ersten Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung. „Taufe oder Tod“ war der Schlachtruf der Kreuzfahrer.
Auf dem Weg ins Heilige Land, war die Eroberung von Antiochia (heute Antakya) 1098 der erste Erfolg der Kreuzzügler. In der heutigen Türkei gründeten sie den ersten Kreuzfahrestaat.

Der Crac des Chevaliers war die Burg des Johanniterordens. Die Höhenburg im heutigen Syrien gehörte während der Herrschaft der Kreuzfahrer zum Kreuzfahrerstaat Tripolis.

1099 eroberten die Kreuzfahrer nach einer fünfwöchigen Belagerung Jerusalem. Die Grabeskirche war bereits 335 n.Chr. auf Veranlassung von Kaiser Konstantin über dem Grab von Jesus Christus errichtete worden. Sie wurde danach mehrfach zerstört und wieder aufgebaut. Die Kreuzfahrer unternahmen den Ausbau in der Form, in der sie bis heute von den verschiedenen christlichen Konfessionen genutzt wird.

Um die militärische Präsenz im Nahen Osten zu stützen, wurden in den nächsten 200 Jahren 6 weitere Orientkreuzzüge unternommen. Doch keiner von ihnen war vergleichbar erfolgreich. An zwei dieser sechs Kreuzzügen nahmen deutsch-römische Könige bzw. Kaiser teil. Allerdings ohne Ruhm. Der zweite Kreuzzug, 1147, mit dem Staufer Konrad III. an der Spitze der deutschen Kreuzzügler, war eine Pleite. Mit den Resten seiner verdursteten Armee kehrte er unverrichteter Dinge in die Heimat zurück. 40 Jahre später führte Kaiser Friedrich Barbarossa den dritten Kreuzzug an. Aber er ertrank schon auf dem Hinweg 1189 in der heutigen Türkei. Danach löste sich der deutsche Teil des dritten Kreuzzuges nahezu auf.
Nach 200 Jahren, 1291, wurden die letzten Kreuzfahrer endgültig aus dem Heiligen Land vertrieben. Doch damit war die Kreuzzugsgeschichte nicht zu ende. Der deutsche Orden verlegte sein Einsatzgebiet vom Nahen Osten an die Ostsee. Die Johanniter zogen erst nach Rhodos und später auf die Insel Malta, um muslimische Piraten zu bekämpfen. Aber nicht nur die Ritterorden suchten sich neue Gegner. Auch weltliche Herrscher führten immer wieder mit und ohne Zustimmung des Papstes Kriege im Namen des Kreuzes gegen wechselnde Feinde.
Bis zur Reformation wurden immer wieder unter dem Zeichen des Kreuzes heilige Kriege geführt. Zum Beispiel die Reconquista, die Zurückdrängung der muslimischen Herrschaft auf der spanischen Halbinsel. Auch für die Unterwerfung der Slaven unter christliche Herrschaft im Ostseeraum oder die Verfolgung der Katharer als Ketzer in Südfrankreich, waren Kreuzzüge. Bis hin zu den Türkenkriegen, die Karl V. lange Zeit davon abhielten, Luthers Reformationsidee zu bekämpfen. Viele dieser Kreuzzüge werden uns in den nächsten Folgen noch begegnen. Aber sie alle haben eines gemeinsam, ihr großes Vorbild war dieser erste Kreuzzug mit der Eroberung Jerusalems 1099.
In dieser Podcastfolge frage ich Prof. Dr. Kristin Skottki von der Uni Bayreuth warum die Kreuzzüge in Frankreich und England so eine andere Bewertung haben, als bei uns, und wieso sich ihre Geschichte für politische Zwecke so leicht instrumentalisieren lässt.


