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#21 Die Welfen

Mit Bernd Schneidmüller: Die Welfen waren im Mittelalter reicher und wahrscheinlich mächtiger, als mancher König und der Kaiser selbst. Eine Familie, die mehrmals kurz davor war, die Herrschaft im deutsch-römischen Reich zu übernehmen, es aber nur einmal für wenige Jahre geschafft hat. Die Familie ist mindestens 1280 Jahre alt und noch heute begegnet sie uns in der Berichterstattung.  Schon im Hochmittelalter waren sie eine international vernetzte Familie mit Verwandten in Oberitalien, West- und Ostfranken.

Mit Unterstützung von Friedrich Barbarossa erlangte der Welfe Heinrich der Löwe die Herrschaft über die Herzogtümer Sachsen und Bayern. Heinrich der Löwe herrschte also im Norden und Süden. Zusätzlich duldete der König den rücksichtslosen Machtausbau von Heinrich dem Löwen. Kaum wurde eine regionale Herrschaft in seinem Einflussbereich vakant, riss Heinrich der Löwe sie an sich. Dabei wurde er gegen alle Beschwerden vom König gedeckt.

Doch im Jahr 1176 hatte Heinrich die Karten überreizt. Er verweigerte dem König und Kaiser Barbarossa die Gefolgschaft bei einem entscheidenden Italienzug.  Vielleicht war er aber auch nur allen anderen Großen des Reiches zu mächtig geworden. Jedenfalls verlor der Löwe seine Vormachtstellung für immer. Zusammen mit den Reichsfürsten entzog Barbarossa dem Welfen die Herzogtümer Sachsen und Bayern, schnitt die Machtbereiche neu zu und verteilte sie unter den großen Familien. Und Heinrich? Er ging mit seiner Familie ins Exil zu seinem englischen Schwiegervater. Ja genau! Heinrich hatte 1168 die Tochter des englischen Königs geheiratet.

Heinrich der Löwe und seine Frau Mathilde sind im Braunschweiger Dom begraben.

Der Sohn Heinrich des Löwen, Otto wuchs wegen des Exil seines Vaters am englischen Hof auf. Er sollte der einzige König und deutsch römische Kaiser aus der Familie der Welfen werden. Nachdem der Sohn von Friedrich Barbarossa, Heinrich VI, gestorben war, brach die Rivalität zwischen den Welfen und den Staufern um den Thron wieder auf. Für wenige Jahre konnte sich Otto IV. mit Hilfe seiner englischen Verwandten als unangefochtener deutsch-römischer König und Kaiser durchsetzen. Doch er verscherzte es sich schnell wieder mit dem Papst, der ihn zum Kaiser gemacht hatte und stand erneut  einer mächtigen Fürstenopposition im Reich gegenüber. Als er dann noch zusammen mit seinen englischen Verwandten die Franzosen angriff und krachend verlor, war sein Untergang besiegelt.

Otto zog sich nach Braunschweig ins welfische Stammland zurück. Bis zum nächsten Auftritt der Welfen auf der Weltbühne sollten 500 Jahre vergehen.

Dann allerdings mit einem Paukenschlag: Von 1714 bis 1837, über fünf Generationen lang, regierten die hannoverander Welfen auch als Könige von England. Sie residierten in London und zeitgleich im Schloss Herrenhausen bei Hannover.

Carsten Steger, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Wir springen ins Jahr 1714: England ist auf einem neuen Höhepunkt seiner Macht angekommen. Die Monarchien auf dem Kontinent hatten sich durch mehrere Kriege verausgabt. England hatte seine Vormacht über die Weltmeere ausgebaut, die Franzosen in den damals neuen Kolonien in Nordamerika zurückgedrängt  und übernahm das Tor zum Mittelmeer: Gibraltar. Auf dem Zenit des Erfolges stirbt die englische Königin Anne kinderlos. Jahre zuvor hatte das englische Parlament beschlossen, dass ausschließlich Protestanten englische Könige werden können. Der nächste protestantische Verwandte von Queen Anne saß in Hannover, ein Welfe: Kurfürst Georg Ludwig. Da hatte sich die 500 Jahre lange Pflege der verwandtschaftlichen Beziehungen ausgezahlt.

Der heutige King Charles ist ein Nachfahre der Königsfamilie aus Hannover. Obwohl die Royal Family inzwischen den Namen Windsor angenommen hat, ist die Ahnenreihe natürlich unverändert.

Allerdings trennten sich die direkten Wege der Welfen und des englischen Königshauses als eine Frau, nämlich Queen Victoria, 1837 Königin von England wurde. Die Thronerbschaft einer Frau war mit den Regeln des Hannoveraner Teils der Familie nur dann möglich, wenn überhaupt kein männlicher Thronanwärter zur Verfügung stand. Und so wurde Victorias Onkel König von Hannover und die Personalunion zwischen dem Buckingham Palast und Schloss Herrenhausen wurde aufgelöst.

Das Königreich Hannover existierte danach nicht mehr lange. Preußen verleibte sich 1866 das Königreich ein. Kurz davor hatte der König von Hannover noch den Bau der Marienburg in Pattensen als Sommerresidenz in Auftrag gegeben. Doch das war kein Projekt von Dauer. Seine Frau wohnte nur ein Jahr in der Marienburg, bis die Preußen kamen und die Welfen ins Exil nach Österreich gingen.

Tim Rademacher, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Heute beeindruckt die Weltläufigkeit der Familie. Der Titel des Familienoberhauptes lautet: Ernst August  Prinz von Hannover Herzog zu Braunschweig und Lüneburg Königlicher Prinz von Großbritannien und Irland. Alle Mitglieder der Welfen haben bis heute die doppelte deutsche und britische Staatsangehörigkeit und werden in Großbritannien angesprochen mit Royal Highness.

Ich spreche mit Prof. Dr. Bernd Schneidmüller über die Geschichte der Familie und ihren Einfluß auf die Politik in Europa in den vergangenen Jahrhunderten.

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