Mit Eva Haverkamp-Rott: Vor der langen Geschichte von Unterdrückung, Vertreibung und Verfolgung der Juden in Europa gab es eine Zeit, in der Juden und Christen das Leben in unserem Land gemeinsam prägten. Von dieser Zeit und ihrem jähen Ende handelt diese Episode. Dieses Ausgrabungsbild aus der Kölner Innenstadt von 2014 zeigt die Überreste sowohl römischer Bauten als auch des mittelalterlichen Judenviertels.

Im frühen Mittelalter, ab dem 10. Jahrhundert begann die aktive Ansiedlung jüdischer Familien in den Städten entlang des Rheins. Die ottonischen und salischen Kaiser des römisch-deutschen Reiches hatten erkannt, dass die Ansiedlung von jüdischen Kaufleuten aus Italien oder Spanien wie ein Wirtschaftsmotor die Lebensverhältnisse der Menschen verbesserte.
Zu der Gründung einer Stadt gehörte die Ansiedlung von jüdischen Kaufleuten. Deshalb wurden die Wohnviertel der Juden oft in der Stadtmitte neben der Kirche gebaut. Viele jüdische Synagogen wurden von christlichen Dombaumeistern errichtet.

Diese Architekturzeichnung von Albert Altendorf aus dem Jahr 1519 zeigt die Regensburger Synagoge wenige Tage vor Ihrem Abriss. Sie war wahrscheinlich das erste gotische Bauwerk in Deutschland. Errichtet von einem Dombaumeister aus Reims.
Mainz, Worms und Speyer waren die ersten Zentren des jüdischen Lebens nördlich der Alpen. Sie waren die größten und bedeutendsten jüdischen Gemeinden im frühen Mittelalter. Doch was gehörte zu einer jüdischen Gemeinde? Zuerst: die Selbstverwaltung. Die jüdischen Gemeinden hatten einen Rat und eine eigene Gerichtsbarkeit für die Streitigkeiten untereinander. Die Gemeinden waren meistens in der Innenstadt angesiedelt und hatten neben den Wohnvierteln Gemeinschaftseinrichtungen: Eine Synagoge, ein Ritualbad, die Mikwa, das aus fließendem Wasser gespeist wird, und in das man mit dem ganzen Körper eintauchen kann, ein Tanzhaus, ein Backhaus, ein Hospital, ein Friedhof, und manche jüdische Gemeinden betrieben eine Hochschule mit angeschlossenem Studierendenwohnheim.
In Speyer kann man noch die Grundmauern der mittelalterlichen Synagoge sehen. Die Synagoge in Worms wurde nach mehreren Zerstörungen wieder aufgebaut.


Zu Beginn des ersten Kreuzzuges kam es im Jahr 1096 zu den ersten Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung. In Folge #20 habe ich darüber bereits mit Kristin Skottki gesprochen. Vor allem in Worms und Mainz wurden die jüdischen Gemeinden von einem wütenden Kreuzzugsheer vernichtet. Marodierende Verbände, die aus Flandern und dem Ostfrankenreich durch das Rheinland zogen, forderten „Taufe oder Tod“. Doch die Pogrome verübten nicht nur Fremde. Auch einheimische christliche Mitbürger wurden Täter.
Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung im Hochmittelalter wurden dem Leben der Jüdinnen und Juden immer engere Grenzen gesetzt. Im Fernhandel verdrängten christliche Kaufleute die jüdischen Händler. Von Handwerksberufen oder der Landwirtschaft waren sie weitgehend ausgeschlossen, deshalb blieb ihnen nur ein Geschäftsfeld, bei dem sie keine christliche Mitbewerber hatten: der Geldverleih.
Auch die Weiterentwicklung der christlichen Theologie richtete sich gegen Jüdinnen und Juden. Auf dem vierten Laterankonzil von 1215 verfügte Papst Innozenz III., dass Juden keine öffentlichen Ämter bekleiden dürften und erließ Kleidungsvorschriften. Durch Judenhut, Haar- und Barttracht sollten sie von Christen und Muslimen unterscheidbar sein. Dieses Bild aus der Weltchronik von Rudolf von Ems zeigt die Judenhüte des Mittelalters.

Hass und Verachtung machten sich europaweit breit. Im Jahr 1290 ließ der englische König alle Juden aus dem englischen Königreich vertreiben. Über 300 Jahre hielt dieser Bann. Auch in Frankreich gab es mehrere Vertreibungswellen.
In unserem Land waren es die Pogrome während der Pest zwischen 1348 und 1351 die den jüdischen Gemeinden ein vorläufiges Ende setzten. Die Überlebenden der Pestprogrome wanderten großenteils nach Polen und Osteuropa ab. Weshalb sich auch dort das Jiddisch verbreitete.

Die wiederentdeckte Synagoge in Erfurt gehört inzwischen zum Unesco Weltkulturerbe. Hier wird der Schatz von jüdischen Familien ausgestellt, die 1349 aus der Stadt vertrieben wurden. Mutmaßlich vergruben sie Münzen und Schmuck, um sie vor den Angreifern zu verstecken. 650 Jahre später wurde das Versteck bei Renovierungsarbeiten 1998 in der Erfurter Altstadt entdeckt.
Juden, die die Pestpogrome überlebt hatten und in Deutschland blieben, waren Repressalien ausgesetzt. Das nachbarschaftliche Nebeneinander von Christen und Juden war für viele Jahrhunderte abhandengekommen. Erst mit der französischen Revolution und den „Bürgerrechten für alle“ sollte sich das wieder ändern.
Über das jüdisch-christliche Zusammenleben im Mittelalter und die beginnende Verfolgung und Vertreibung spreche ich mit Eva Haverkamp-Rott, Professorin für jüdische Geschichte Kultur im Mittelalter an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

