Mit Stefan Leenen: Es war die größte medizinische Katastrophe in der europäischen Geschichte. Zwischen 20 und 50 Millionen Menschen fielen der Pest zum Opfer. Etwa ein Drittel der Bevölkerung.1331 brach die Pest im heutigen China aus. Sie brauchte 15 Jahre bis sie die Küste der Krim erreichte. 1346 hatten zwölf genuesische Galeeren die Pest an Bord und nahmen Kurs auf Süditalien.
Die zwölf Pestschiffe steuerten 1346, auf ihrer Fahrt Richtung Heimat, zuerst den Hafen im sizilianischen Messina an. Kaum hatten sie angelegt, brach der Schwarze Tod in der Stadt aus. Schnell begriffen die Einwohner, dass die Seuche von den Galeeren stammte und vertrieb die Genuesen. Aber nicht schnell genug. Während die Galeeren nordwärts einen neuen Hafen suchten, breitete sich die Pest in Sizilien und Süditalien aus. Und mit ihr die Warnungen. Deshalb verbot ihr Heimathafen Genua den zwölf Galeeren die Einfahrt. Schließlich ankerten sie am 1. November 1347 im Hafen von Marseille. Von dort trat die Seuche ihren Triumphzug über Westeuropa an. Mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 2 Kilometern pro Tag verbreitete sich die Pest in alle Richtungen: nach Spanien, Frankreich Deutschland.

Die Lungenpest führt innerhalb weniger Stunden nach der Ansteckung zum Tod. Die Beulenpest braucht etwas länger. Die Patienten leiden noch zwei bis drei Tage bevor sie sterben. Das zeitgenössische Bild zeigt die Beerdigung der Pesttoten in Tournai.
Jeder konnte sich mit der tödlichen Krankheit infizieren und keiner hatte ein wirksames Gegenmittel.
Heute wissen wir, dass es Flöhe waren, die den Virus übertrugen. Meistens waren Ratten ihre Wirtstiere. Mit der Ausbreitung von Ratten breiteten sich auch ihre Flöhe aus und damit die Pest.

Wenn die Rattenpopulation besonders hoch war, kam es manchmal vor, dass sich die Schwänze der Tiere verknoteten und sie sich nicht mehr bewegen konnten. Das Bild zeigt den größten erhaltenen „Rattenkönig“ aus mumifizierten Ratten. Er wurde 1828 entdeckt und ist im Museum Mauritanium in Altenburg ausgestellt. Rattenkönige galten bereits im Mittelalter als böses Omen. Auch zur Zeiten der Pest. Allerdings ahnte man nicht, dass die Ratten tatsächlich Teil der Ursache waren.
Die Krankheit traf arme und reiche, junge und alte, Frauen und Männer gleichermaßen und breitete sich unaufhaltsam aus. Sie schob die Horrormeldungen vor sich her. Die lösten Massenhysterien aus, lange bevor die Pest tatsächlich zuschlug.
Die Verfolgung der jüdischen Einwohner durch aufgebrachte Massen trat das erste Mal in der Provence auf. In Deutschland begann die Hysterie noch bevor die Seuche selbst das Land erreichte. Schon die Nachricht vom Schwarzen Tod und das Gerücht, dass Juden die Brunnen vergiftet hätten, reichte für tödliche Hetzjagden. In Basel und Straßburg töteten blutrünstige Bürger 1349 große Teile der jüdischen Bevölkerung. Stadträte, die mäßigend einwirken wollten, wurden von den aufgepeitschten Mordlustigen vertrieben. In Worms, Frankfurt und Mainz verübten die jüdischen Gemeinden nach anfänglicher Gegenwehr Massenselbstmorde.

In Deutschland gab es eine Bewegung, die durch Selbstzucht für ein Ende der Pest sorgen wollten: Die Flagellanten streiften in großen Gruppen durch Deutschland und geißelten sich selbst. Die Bewegung griff schnell um sich: von Süddeutschland über Straßburg den Rhein hinunter bis in die Niederlande. Frauen und Männer ohne besondere theologische Vorbildung schlossen sich diesen Zügen an. In Zweierreihen mit freiem Rücken peitschten sich selbst mit Lederriemen. Nach 33,5 Tagen endete ein Geißlerzug und ein neuer begann.

In den nächsten 300 Jahren kam es immer wieder zu Pestwellen in Europa. Diese Ölgemälde zeigen Pestwellen in Neapel 1656 und Marseille 1720.


Davon waren dann auch Städte wie Nürnberg betroffen, die in der ersten Pestwelle verschont wurden. Häufig begegneten die Stadtherren solchen Ausbrüchen mit Heimlichkeit. Die Pesttoten wurden in der Nacht leise aus den Städten gekarrt, um keine Panik zu verbreiten. Noch heute werden hin und wieder Pestfriedhöfe ausgegraben, von denen man bisher nichts wusste. Zum Schluss eine Abbildung aus London von der letzten Beulenpest in England 1665.

In der Podcastepisode #39 spreche ich mit Dr. Stefan Leenen vom Archäologiemuseum in Herne über die erste Pestwelle und ihre Folgen in Europa.


