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#46 Was wäre Gutenberg ohne Papier? Die Medienrevolution

Der Mainzer Johannes Gutenberg hatte einen revolutionären Einfall. Er stellte einzelne Buchstaben aus Metall her, die er für jeden Text beliebig zu Wörtern, Sätzen und Absätzen zusammensetzen und wieder auseinandernehmen konnte. Von den Weinbauern seiner Gegend schaute er sich die Spindelpresse ab und mixte aus Leinöl und Ruß Druckerschwärze. Schon in seinen ersten Druckwerken entwickelte er eine Präzision, die noch heute bewundert wird. Um den Blocksatz akkurat herzustellen, goss er jeden Druckbuchstaben des Alphabets in zehn unterschiedlichen Breiten. Damit jede Zeile exakt gleichlang war, konnte er mit den unterschiedlich breiten Metallbuchstaben die Abstände haargenau anpassen. Sein erstes gedrucktes Buch war die Bibel mit einer Auflage von 180 Stück. 49 sind davon noch heute erhalten unter anderem in Berlin, New York oder Tokio. Hier eine Seite des Berliner Exemplars.

© Original by Johannes Gutenberg (printer), Scan by Jossi, Public domain, via Wikimedia Commons

Gutenberg war wahrscheinlich nicht auf hohe Verfielfältigungszahlen oder Massenkommunikation aus. Carla Meyer-Schlenkrich meint, ihm ging es um Perfektion. Er wollte mit seiner neuen Drucktechnik eine Bibel erschaffen, die noch perfekter erschien, als die handgeschriebenen Exemplare. Über dieses Projekt ging Johannes Gutenberg in den Konkurs.

Kurze Zeit später schossen in ganz Europa Druckerpressen aus dem Boden. Die Drucker beließen es nicht bei frommen Büchern. Sie lernten schnell, dass sich Sensationen am besten verkaufen. Anfangs kontrollierte auch niemand die neuen Schriften, die bald alle Märkte fluteten. Das Sprichwort „Er lügt, wie gedruckt“ stammt aus dieser Zeit. Bis zur Einführung von staatlicher Zensur und Impressumspflicht, vergingen noch 70 Jahre.

Jeder der lesen konnte, konnte sich von nun an selbst ein Bild von der Bibel oder den Erkenntnissen der Zeit machen. Man war nicht mehr auf die Vermittlung durch Geistliche oder die Obrigkeit angewiesen. In der Geschichtsschreibung markiert der Buchdruck den entscheidenden Schritt zur Selbstermächtigung der lesenden Menschen.

Aber ohne das Papier wäre die Revolution des Buchdrucks gar nicht möglich gewesen. Dabei weiß man nicht so ganz genau, wann das Papier als Alternative zum Pergament in Deutschland aufkam. Zuerst tauchte es im 14. Jahrhundert als Exportware aus Italien auf und verdrängte das Pergament nur sehr langsam.

Der erste Beleg für eine Papiermühle in Deutschland stammt aus dem Jahr 1390. Der Nürnberger Fernhandelskaufmann Ulmann Stromer betrieb eine Mühle, die aus Lumpen Papier herstellte.

Noch heute können die Besucher in den historischen Papiermühlen in Basel oder Homburg selbst Bütten schöpfen:

Papierherstellung Baseler Papiermühle
© Matti&Keti, CC0, via Wikimedia Commons
Papiertrocknung Papiermühle Homburg
© NearEMPTiness, CC BY-SA 4.0 , via Wikimedia Commons

Die ersten 50 Jahre des Buchdrucks (1450-1500) werden Inkunabelzeit genannt, in der der Buchdruck noch „in der Wiege“ lag. Eine dieser Inkunabeln ist die 700 Seiten starke Koelhoffsche Chronik. Eine Geschichte der Stadt Köln.

© HOWI – Horsch, Willy, CC BY 3.0 , via Wikimedia Commons

Carla Meyer-Schlenkrich hat für ihre Habilitation die Geschichte des Papiers erforscht und sagt, die eigentliche Medienrevolution hat 100 Jahre vor dem Buchdruck schleichend begonnen. Der Anstieg der Lese- und Schreibfähigkeit im 14. Jahrhundert war der wirkliche Gamechanger. Aber leider hat kein Zeitgenosse schriftlich festgehalten, wie sich die Alphabetisierung in Deutschland abspielte. Nur die Explosion von Akten und anderen Schriftstücken am Hof Karl IV. deutet auf eine eine rasante Entwicklung der Lese- und Schreibfähigkeit in den Jahrzehnten nach der Pestepidemie in Europa hin.

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