Mit Heinz Schilling: Diese Episode beginnt am Grab Martin Luthers in der Schlosskirche von Wittenberg. Kaiser Karl V. hatte im Schmalkaldischen Krieg die protestantischen Fürsten krachend geschlagen. Nun stand Karl V. am Grab von Martin Luther, der ein Jahr zuvor gestorben war. Auf dem Höhepunkt seiner Macht blickte er auf das Grab seines Kontrahenten. Im Moment des Triumphes schlugen seine Ratgeber angeblich vor, Luthers Überreste auszugraben und auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen. Der Kaiser soll abgelehnt haben.
Karl V. und Luther waren sich zuletzt vor 26 Jahren begegnet auf dem legendären Reichstag in Worms. Damals hatte der junge Kaiser die Reichsacht über den Theologieprofessor verhängt und seine Schriften und seine Lehre verboten. Nur konsequent durchgesetzt hat er dieses Verbot nie.
Karls Reich erstreckte sich über acht Zeitzonen. Er war nicht nur römisch-deutscher König und Kaiser, er herrschte auch über Spanien und die Übersee-Kolonien, er war König von Neapel und Sizilien. Als Habsburger herrschte er zusätzlich über Österreich, Burgund, Lothringen und Brabant. Er führte über 70 europäische Adelstitel.
Der gekrönte römischer Kaiser sah es als seine Aufgabe an, gemeinsam mit dem Papst ein europäisches Universalreich anzuführen, um umfassenden christlichen Frieden zu schaffen. Doch der König von Frankreich, die Osmanen in Südeuropa und die Protestanten in Deutschland hinderten ihn daran.
Für seine Kriege gegen den französischen König in Norditalien und zur Abwehr der Osmanen in Ungarn, auf dem Balkan und in Nordafrika- zu Land wie zu Wasser – brauchte Karl V. die Unterstützung der deutschen Fürsten – auch der protestantischen.
Seine Erwartung an den Papst, dass der mit einem großen Kirchenkonzil den Konflikt mit den Protestanten beilegen und die Einheit der Christenheit wiederherstellen würde, wurde nicht erfüllt. Unterdessen breitete sich der protestantische Glauben im Reich nördlich der Alpen immer weiter aus. In Erwartung von militärischer Gegenwehr schlossen sich die protestantischen Fürsten zum Schmalkaldischen Bund, einem Verteidigungsbündnis, zusammen.
25 Jahre nach dem Reichstag von Worms war der Moment für Kaiser Karl V. gekommen. Das Momentum war auf seiner Seite. Sowohl die Auseinandersetzung mit dem französischen König als auch der Kampf gegen die Osmanen war zu einem Stillstand gekommen. Nun konnte Karl sich auf die Lage im römisch-deutschen Reich konzentrieren.

Die Schlacht bei Mühlberg an der Elbe zwischen Wittenberg und Dresden entschied den Schmalkaldischen Krieg, der nach dem Verteidigungsbündnis der Protestanten benannt wurde. Mit einem Überraschungsangriff schlug Karl die protestantischen Truppen 1547 vernichtend.


Beide Portraits von Karl entstanden im selben Jahr 1548. Links als gerüsteter siegreicher Feldherr vor der Entscheidungsschlacht gegen die protestantischen Fürsten bei Mühlberg an der Elbe. Das Tiziangemälde hängt heute im Prado in Madrid. Rechts: Karl als besonnener Verhandler auf dem anschießenden Reichstag in Augsburg. Doch die Präsenz seiner spanischen Truppen auf dem Reichstag und die Dominanz seiner spanischen Ratgeber weckte den Widerstandsgeist der eigentlich unterlegenen protestantischen Fürsten und Reichsstädte.

Im darauf ausbrechenden Fürstenaufstand gegen Karl V. von 1552 spielte Moritz von Sachsen die maßgebliche Rolle. Moritz war selber Protestant und hatte aber Karl V. bei seinem Krieg gegen die Protestanten militärisch unterstützt. Daher sein Spitzname: „Der Judas von Meißen“. Zur Überraschung aller wechselte der „Judas von Meißen“ nach dem Reichstag von Augsburg die Seiten und zettelte – unterstützt vom französischen König – den Aufstand der protestantischen Fürsten gegen Karl V. an. Die Revolte traf den Kaiser völlig überraschend. Fünf Jahre nach seinem Sieg in der Schlacht bei Mühlberg hatte er seine Truppen abgedankt und hielt sich nichtsahnend in Innsbruck auf, als Truppen der protestantischen Fürsten die Alpen überquerten. Angeführt von seinem ehemaligen Bündnispartner: Moritz von Sachsen. Hastig floh Karl V. über den Brenner und verfolgte die einsetzenden Verhandlungen nördlich der Alpen nur von der Ferne aus. Sein Bruder Ferdinand vertrat ihn für die kaiserliche Seite. Mit dem Friedensvertrag von Passau war Karl noch einverstanden. Doch als auf dem Reichstag 1555 der Augsburger Religionsfrieden beschlossen wurde und von da an die Landesherren die Religion in ihrem Territorium festlegen konnten, weigerte Karl sich. Die Parität beider Religionen konnte er nicht unterschreiben. Der Augsburger Religionsfrieden trägt deshalb die Unterschrift seines Bruders Ferdinand.

Zum Jahreswechsel 1555/1556 dankte Karl V. ab. Das Weltreich wurde aufgeteilt. Sein Sohn Philipp II. wurde König von Spanien und der Niederlande und Karls Bruder Ferdinand übernahm die Herrschaft in Österreich, den Habsburger Erblanden und dem römisch-deutschen Reich. Das Bild zeigt die Amtsübergabe von Karl an seinen Sohn Phillip II. am 25. Oktober 1555 in Brüssel.

Für seinen Lebensabend ließ Karl V. sich eine Villa auf dem Gelände des abgelegenen spanischen Klosters Yuste bauen.

Über einen Kaiser, der sich zu viel vorgenommen hatte, die „deutsche Freiheit“ und einen untätigen Papst spreche ich mit Heinz Schilling. Der emiritierte Professor lehrte die Europäische Geschichte der frühen Neuzeit an der Humboldt-Universität in Berlin und ist als Autor vieler Sachbücher und Publizist tätig.


