Mit Jürgen Luh:
Der große Kurfürst regierte Brandenburg nach dem 30jährigen Krieg. Berlin war ausgeplündert und in weiten Teilen niedergebrannt. Es herrschten Hunger und Epidemien. Das Stadtschloss auf der Spreeinsel war unbewohnbar. Friedrich Wilhelm musste das zerstörte Land aufbauen und seine verstreuten Territorien zusammenhalten. Ohne Bodenschätze und ohne Infrastruktur. Das ist ihm nicht nur gelungen, sondern er hat den Grundstein für den Aufstieg Preußens gelegt. Für diese Lebensleistung erhielt er den Beinamen: „der Große“ Kurfürst.
Friedrich Wilhelm ist mitten im 30jährigen Krieg aufgewachsen und hat aus Sicherheitsgründen viel Zeit in Küstrin hinter Festungsmauern verbracht. Mit 14 Jahren wurde er zu den reformierten Glaubensbrüdern in die Niederlande geschickt.
Das war die goldene Zeit der Niederlande mit den reichen Kaufleuten, die weltweiten Handel betrieben. Der Reichtum und der Wohlstand dort haben ihn sehr beeindruckt.
Viel später, schon am Ende seiner Regierungszeit entwickelte er Pläne zum Aufbau einer eigenen Handelsmarine. Er wollte mit Brandenburg in den Welthandel einsteigen. Das war allerdings ohne Schiffe und ohne einen Zugang zum Atlantik ein gewagtes Projekt.

Mit dieser Eingebung kam er ca. 100 Jahre zu spät, denn die Seefahrermächte hatten die Handelsstützpunkte schon weltweit untereinander aufgeteilt. „Groß Friedrichsburg“ war seine erste und einzige Kolonie. Im heutigen Ghana ließ er an der Küste eine Befestigung bauen, die man noch heute anschauen kann.
Am Ende seines Lebens, betrieb er noch ein zweites gescheitertes Projekt, dass man angesichts seiner Finanzlage sehr gut nachvollziehen kann. Er beschäftigte auf der Pfaueninsel, die idyllisch in der Havel liegt, einen Alchemisten, der Gold herstellen sollte. Statt Gold erfand der Alchemist Johannes Kunckel auf der damals abgeschotteten Insel rubinrotes Glas.


Zurück zu den Anfängen: Friedrich Wilhelm war 21 Jahre alt, als er die Regierung im Kurfürstentum Brandenburg übernahm.
Um zu verstehen, über welchen Flickenteppich er herrschte, müssen wir in die Zeit vor dem 30jährigen Krieg zurückspringen. Sein Großvater hatte Anna von Preußen geheiratet. Und mit dieser Ehe kam die Herrschaft über Ostpreußen in die Familie. Wir erinnern uns, in Folge #34 habe ich mit Jürgen Sarnowsky darüber gesprochen, wie der Deutsche Orden die Prussen an der Osteeküste missionierte. Von diesem Deutschordensstaat war nur noch Ostpreußen als eigenständiges inzwischen weltliches Herzogtum übriggeblieben. Allerdings war der polnische König der Lehnsherr von Ostpreußen und das Herzogtum war weit weg. Zwischen Berlin und Königsberg liegen 600 km.
Doch damit nicht genug. Sein Großvater behauptete auch 600 km westlich einen weiteren Erbanspruch seiner Frau: Gebiete am Niederrhein, im Sauerland und bei Bielefeld gehörten auch zum Herrschaftsbereich des Kurfürsten von Brandenburg. Also eher eine bunte Trophäensammlung als eine Territoriale Einheit.
In den Verhandlungen zum westfälischen Frieden gelang es Friedrich Wilhelm zwar, die Herrschaft über Hinterpommern für sich zu sichern. Damit war er territorial an sein Ostpreußen näher herangerückt. Aber die Schweden hatten Vorpommern für sich reklamiert und standen mit ihrer Militärmacht direkt an seiner Landesgrenze.
Kein Geld, keine Bodenschätze, ein weit verstreutes Territorium und der vormalige Kriegsgegner stand direkt an seiner Landesgrenze. Das waren schlechte Ausgangsbedingungen für seine Herrschaft.
Von Anfang an konzentrierte er sich auf den Aufbau seines Militärs. Die Armee des Kurfürsten wuchs rasant auf 20.000 Mann. Er setzte sie in wechselnden Bündnissen ein.
1655 überfielen die Schweden Polen. Den Schweden ging es wieder einmal um die Herrschaft an der Ostseeküste. Und in diesen Konflikt zwischen Schweden und Polen mischte sich der Kurfürst von Brandenburg militärisch ein. Er marschierte mit 18.000 Soldaten in den Krieg. Ursprünglich, um den polnischen König zu unterstützen. Aber in seiner Bündnispolitik war er nicht konstant. Er wechselte seine Allianzen mehrfach zwischen den Polen und den Schweden.
Das Ergebnis war ein großer Erfolg für ihn: Am Ende des Krieges entließ der polnische König Ostpreußen aus seiner Lehnshoheit und Friedrich Wilhelm herrschte über ein unabhängiges Herzogtum Preußen. Doch mit dem Erreichten gab sich Friedrich Wilhelm nicht zufrieden. Er wollte in der europäischen Politik ein anerkannter Faktor sein.
Als der französische Sonnenkönig 1672 zusammen mit England und Schweden die Niederlande überfiel, eilte Friedrich Wilhelm den Niederländern zur Hilfe. Allerdings hatte er vorher keine Verbündeten für diesen Kriegszug finden können und seine brandenburgische Armee war der französischen weit unterlegen. Deshalb endete er schließlich als Verbündeter seines ursprünglichen Gegners Frankreichs.
Die Abwesenheit des Kurfürsten nutzen die Schweden 1674, um Brandenburg zu besetzen. Als Friedrich Wilhelm realisierte, dass niemand ihm zur Hilfe kommt, trieb er in einem Gewaltmarsch seine Soldaten aus dem Winterquartier von Schweinfurt in Unterfranken an die Havel.
Die Schlacht bei Fehrberlin 1675 war ein kurzes Gefecht. Der große Teil der schwedischen Armee konnte sich unbehelligt zurückziehen. Trotzdem verschaffte dem Kurfürsten dieser Sieg über die bis dahin mächtigen Schweden europaweites Ansehen und den Zusatz „der Große“.

Friedrich Wilhelm hat noch eine historische Entscheidung getroffen, die für die Entwicklung Brandenburgs und später Preußens langfristige Folgen hatte. Und wieder einmal war es eine Reaktion auf den Sonnenkönig. Der Katholik Ludwig XIV. beendete mit dem Edikt von Fontainebleau 1685 die religiöse Toleranzpolitik in Frankreich. Er verbot den calvinistischen Glauben. Er ließ Kirchen und Schulen einreißen und verbot alle Gottesdienste. Die Hugenotten – so wurden die Calvinisten in Frankreich genannt – hatten 14 Tage Zeit sich zum katholischen Glauben zu bekennen oder auszuwandern. Diesmal reagierte Friedrich Wilhelm schnell und entschlossen. Er bot seinen Glaubensbrüdern und Schwestern eine neue Heimat in Brandenburg. Ca. 20.000 Hugenotten wanderten nach Brandenburg ein.

Die Mehrheit seiner Untertanen waren Lutheraner. Er selbst war Calvinist. Auch deshalb sah er die Hugenotten, die auch Calvinisten waren, als willkommene Verstärkung. Zudem war die Bevölkerung Brandenburgs war durch den 30jährigen Krieg noch immer dezimiert. Die französischen Zuwanderer waren eine willkommene Unterstützung beim Wiederaufbau.
Der Gendarmenmarkt in Berlin feiert mit den beiden Kirchen das Miteinander von französischen Calvinisten und deutschen Lutheranern. Der Platz wurde von seinem Sohn angelegt und ausgebaut.

Friedrich Wilhelm starb im Jahr 1688. Er ist in der Hohenzollerngruft im Berliner Dom begraben.

In dieser Podcastfolge spreche ich mit dem Preußenexperten Jürgen Luh über den Friedrich Wilhelm und kläre die Frage, ob er zu recht „der Große“ genannt wird.


