1883 erwarb der Hamburger Kaufmann Adolf Lüderitz eine Bucht und zugehöriges Land von dem Anführer der Nama im heutigen Namibia. Mit dieser Landnahme berührte Lüderitz Pläne Großbritanniens, das frei sein wollte, dort auch einen Hafen zu bauen. Außerdem erwartete Lüderitz Widerstand der Nama gegen die Landnahme, weil er bei den Meilenangaben im Kaufvertrag geschummelt hatte.


Er hatte die deutsche Meile, also 7,5 km zugrunde gelegt. Die Nama sind dagegen von der viel kürzeren englischen Meile ausgegangen. Kurzum: Lüderitz brauchte Schutz für seinen Landstreifen in Afrika und Bismarck und der Kaiser lieferten. Nach 12 Jahren, in denen Bismarck als Kanzler und Außenminister Kolonien für Deutschland strikt abgelehnt hatte, war das nun eine Kehrtwende um 180 Grad.
Nach dem Modell von Namibia traten nun auch andere Hamburger und Bremer Handelshäuser auf den Plan, die weiter südlich an der afrikanischen Küste schon lange Faktoreien betrieben. In Togo und Kamerun. Auch sie forderten nun den „Schutz“ ihrer Gebiete und Bismarck ernannte auch Togo und Kamerun zu „Schutzgebieten“. Hier ein Bild der Woermann Faktorei in Kamerun:

„Scramble for Africa“ – Wettlauf um Afrika – nannte man diese Zeit. Jahrhunderte lang hatten die Europäer nur 10 % des afrikanischen Kontinents kontrolliert. Meistens die Küstenstreifen. Jetzt im späten 19. Jahrhundert brach ein Wettlauf zwischen den Europäern um Transportwege und Rohstoffe aus.
1884 lud Bismarck zu einer Afrikakonferenz nach Berlin ein. Anlass waren Streitigkeiten um die Kontrolle der wirtschaftlich wichtigen Kongo Mündung. Alle europäischen Kolonialmächte waren auf der Konferenz vertreten. Zusätzlich wurden Russland, das Osmanische Reich und die USA eingeladen, aber kein Vertreter Afrikas.
Auf der Afrikakonferenz einigte man sich auf Spielregeln, nach denen man den Kontinent untereinander aufteilen würde. Der Erste, der Fakten schuf, während die Konferenz in Berlin lief, war Carl Peters. Kein Kaufmann, sondern ein politischer Aktivist. Peters hatte die „Gesellschaft für deutsche Kolonisation“ gegründet. Er wartete das Ende der Konferenz nicht ab, sondern reiste ins heutige Tansania und gründete die Kolonie Deutsch Ost Afrika.


Der Deutsche Kaiser stellte 1885 auch für Deutsch Ost Afrika einen Schutzbrief aus. Und so war das Deutsche Reich innerhalb eines Jahres mit Deutsch-Süd West, Deutsch Ost Afrika, Kamerun und Togo zu einer Kolonialmacht geworden. Später kamen noch Inseln im Pazifik dazu: Neuguinea und Samoa .

1898 annektierten die Deutschen einen Küstenabschnitt in Westchina und bauten Tsingtau als Asienstützpunkt für die zukünftige Flotte aus. Das war der erste Schritt. Danach begann ein Flottenwettrüsten mit Großbritannien.
In der deutschen Bevölkerung brach das „Flottenfieber“ aus. Kinder wurden in Matrosenanzüge gesteckt, der deutsche Flottenverein wuchs von Jahr zu Jahr und die Marine erhielt viel Zulauf von den bürgerlichen Schichten. Denn in diesem Truppenteil konnte man auch ohne Adelstitel Offizier werden. In Tsingtau wollte die Marine mit dem Ausbau von Kanalisation, Eisenbahn und Telegraphie zeigen, wie „moderne“ Kolonisation geht.

Zwei Jahre nach Übernahme des Küstenstreifens in Westchina rebelliert ein Geheimbund chinesischer Kämpfer gegen die gesamte christliche Fremdherrschaft in China. Die „Boxer“, wie sie von den Kolonialisten genannt wurden, ermordeten vor allem Chinesen, die zum Christentum bekehrt worden waren. Die Boxer besetzen Peking und erschossen den deutschen Botschafter Clemens von Ketteler. Danach griff eine Allianz von 8 Nationen ein und schlug den Aufstand blutig nieder. Berühmt wurde die Rede, mit der der Deutsche Kaiser die 20.000 Soldaten nach China verabschiedete. Er rief sie auf zu wüten, „wie die Hunnen vor tausend Jahren“ und gab die Parole aus: „Keine Gefangenen“.

Am 12. Januar 1904 begann in Deutsch Südwestafrika der Aufstand der Herero. Mehrere tausend von ihnen überfielen überraschend deutsche Militärposten und Farmen deutscher Siedler. 120 Farmer und Soldaten starben. Damit überrumpelten die Hereros die deutsche Kolonialmacht völlig. Insgesamt waren im Januar 1904 nur 800 deutsche Soldaten im Land, die mehreren tausend bewaffneten Herero unter ihrem Anführer Samuel Maharero gegenüberstanden.

Das Deutsche Reich regierte umgehend. Ende Januar verließ der erste Truppentransport Wilhelmshaven. Bis zum Sommer waren 5000 deutsche Soldaten in Namibia. Der deutsche Gouverneur Leutwein versuchte den Konflikt durch Verhandlungen zu lösen, aber das ging dem Kaiser nicht schnell genug. Er wechselte den Oberbefehlshaber in Deutsch Südwest aus und schickte Lothar von Trotha, der schon bei seinem Einsatz in China mit gnadenloser Härte vorgegangen war.

Im August 1904 kam es weit im Landesinneren zur Schlacht am Waterberg. Die deutschen Truppen kesselten die Kämpfer der Herero ein und ließen nur noch einen Ausweg zu. Den Weg in die Wüste. Die Omaheke: eine Halbwüste an der Grenze zum heutigen Botswana mit wenig Wasserstellen.
Im Oktober 1904 proklamierte von Trotha seine Vernichtungspolitik auch gegenüber den Herero. Er befahl seinen Truppen, jeden Herero – ob bewaffnet oder unbewaffnet, ob Mann, Frau oder Kind – innerhalb der deutschen Grenzen niederzuschießen oder in die Wüste zurückzutreiben.
Als der Text dieser Proklamation Deutschland erreichte, löste er bei vielen Entsetzen aus. Der öffentliche Druck wurde so groß, dass der Kaiser im Dezember von Trotha befahl, die Vernichtungspolitik zu stoppen.

Danach wurden Gefangene wieder zugelassen. Die überlebenden der Herero wurden in Sammellager gesperrt und zur Zwangsarbeit gezwungen mit hohen Todesraten. Erst 1908 wurde das letzte Lager in Deutsch Ssüdwestafrika geschlossen. Die ganze Phase von 1904 bis zum letzten Konzentrationslager 1908 bewerten die Historiker heute als Völkermord.
Während des Kriegs in Deutsch Südwestafrika kam es im heutigen Tansania auch zu einem Aufstand gegen die deutschen Kolonialherren. 20 verschiedene Stämme schlossen sich zusammen, um gegen die deutsche Kolonialherrschaft in den Guerilla-Kampf zu gehen. Im Auftrag der deutschen Kolonialherren kämpfte vorwiegend schwarze Soldaten gegen die Aufständischen.

Die Kolonialtruppen setzten auf die Strategie der „verbrannten Erde“ und hungerten die Aufständischen aus in dem sie ihre Hütten und Felder abbrannten. Nach Ende des Aufstandes waren Tausende verhungert. Die unterschiedlichen Schätzungen geben zwischen 75.000 und 300.000 Tote an.
Mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg endete das deutsche Kolonialreich. In dieser Folge spreche in mit dem Professor für Globalgeschichte an der Uni Hamburg, Jürgen Zimmerer, über die deutsche Kolonialpolitik und ihre Folgen.


