Mit Volker Leppin:
Im zweiten Teil seines Lebens war Luther eingesperrt, 25 Jahre lang. Der Kaiser hatte die Reichsacht über ihn erlassen. Luther war eine rechtlose Person und jedermann war aufgefordert, ihn auszuliefern. Allerdings stand er unter dem Schutz seines Landesherren, dem Kurfürsten von Sachsen. Das heißt, bis zu seinem Tod drohte Martin Luther fast überall im Reich Lebensgefahr, nur nicht in Wittenberg und den dazugehörigen Territorien.
Luthers Beschützer, Friedrich der Weise, rettete Martin nach dem Reichstag von Worms 1521. Er ließ Martin zum Schein entführen und versteckte ihn auf der Wartburg bei Eisenach. Unter dem Decknamen „Junker Jörg“ verbrachte Luther 10 Monate auf der Wartburg. Eine äußerst produktive Zeit. Er übersetzte die Bibel aus dem Griechischen ins Deutsche.
In der „Luther-Bibel“ finden sich Wortkombinationen, die wir heute noch gebrauchen: die „Herzenslust“, die „Höllenangst“, der „Geizhals“, der „Denkzettel“ oder der „Feuereifer“. Alles Erfindungen von Martin Luther. Durch seine packende Sprache hat er nicht nur Lust auf die Bibellektüre gemacht. Sein Bibeltext war auch ein wesentlicher Baustein für die Entwicklung des Hochdeutschen.
Nach einiger Zeit entließ Luther sich selbst aus der Schutzhaft und zog nach Wittenberg, um den Verlauf der Reformation zu steuern. Doch wie geht das, von der Seitenlinie aus?
In Süddeutschland erhoben sich die Bauern. Die Bauern waren die „Verlierer“ der Neuzeit. Plötzlich standen den Landesherren Juristen zur Seite, die die hergebrachten Gemeinschaftsrechte an Wiesen, Bächen und Wäldern einschränkten. Die Bauern wehrten sich und wollten das Joch der Leibeigenschaft abschütteln. Sie lasen in der von Luther übersetzten Bibel und stellten fest: „Als Adam grub und Eva spann, wo war denn da der Edelmann?“ Ihre Schlussfolgerung: In der Bibel steht nichts von Adel oder einem Ständesystem, also weg damit.
Die Revolten der Bauern wurden von den Landesherren brutal niedergeschlagen. 70.000 Tote. Und Martin Luther schrieb, man solle die Aufständischen „zerschmeißen, würgen, stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund erschlagen muss“. Diese Haltung kostete ihn einen großen Teil seiner Popularität im Reich. Zusätzlich bahnte der Reformator auf dem Höhepunkt der Bauernkriege sein persönliches Glück an. Er heiratete die aus ihrem Kloster geflohene ehemalige Nonne Katharina von Bora. Auch das ließ sein Image weiter sinken.

Während Luther sich mit seiner Frau in Wittenberg einrichtete, übernahmen andere das politische Schicksal der Reformation. Die Landesherren, in deren Hände Luther seine Kirche gelegt hatte. Sie übernahmen das Ruder sehr gerne, denn neben allen Glaubensfragen konnte der Glaubenswechsel für sie Machtzuwach bedeuten. Entschloss sich ein Landesherr zur Reformation, hatte ihm der Papst nichts mehr zu sagen und die Kirchen und Klöster in seinem Land standen ihm mit all Ihren Schätzen zur Verfügung.
Mit seiner Frau Katharina lebte Martin bis zu seinem Tod in Wittenberg in seinem alten Klostergebäude. Irgendwann waren alle anderen Mönche ausgezogen und der Kurfürst überließ das Gebäude dem Reformator und seiner Frau. Das ehemalige Kloster kann man sich noch in Wittenberg anschauen. Die beiden unterhielten dort eine Art Studentenwohnheim mit Vorlesungsbetrieb . Meistens saßen 20 Studenten und andere Gäste abends am Tisch. Der Ursprung des evangelischen Pfarrhauses.
Kaiser Karl V. hatte seit dem legendären Reichstag in Worms das Reich nicht mehr betreten. Neun Jahre lang. Fast die gesamte Zeit hatte er in Norditalien Krieg gegen den französischen König geführt. Parallel dazu griffen die Osmanen wieder Europa an und überfielen Ungarn. 1529 schloss Karl Frieden mit dem französischen König und hatte damit einen Gegner weniger. Nun wollte er von den Deutschen Unterstützung gegen die Osmanen. Für den Krieg gegen die Türken brauchte er Geld, auch von den protestantischen Reichsständen. Deshalb schien er zu Kompromissen bereit. „Der Türk ist des Luthers Glück“ spottete so mancher. Der Kaiser berief 1530 einen Reichstag in Augsburg ein und forderte die Protestanten auf, doch einmal ganz in Ruhe ihre gemeinsame Position darzulegen. Doch das war für die protestantische Seite nicht einfach. Viele Reformatoren hatten sich inzwischen in unterschiedliche Glaubensrichtungen bewegt. Philip Melanchton, Griechischprofessor und engster Vertrauter vor Luther, versuchte im Augsburger Glaubensbekenntnis 1530 den protestantischen Strömungen eine gemeinsame theologische Grundlage zu geben und den protestantischen Glauben auch für Altgläubige anschlussfähig niederzuschreiben.

Bei dieser zentralen Frage des protestantischen Bekenntnisses wurde Martin Luther von den eigenen Leuten ignoriert. Er war zwar in die Nähe des Reichstages gereist und saß sicher auf der Veste Coburg. Aber in die Verhandlungen unter den Protestanten um das protestantische Glaubensbekenntnis wurde er nicht wirklich eingebunden. Zu umständlich war der Briefverkehr mit dem weggesperrten Reformator während der laufenden Verhandlungen. Hinzu kam seine Starrköpfigkeit. Martin Luther war zu keinen theologischen Kompromissen bereit. Ausgebootet und handlungsunfähig saß der Reformator schlecht gelaunt in seiner Stube auf der Veste Coburg fest.


Das Augsburger Bekenntnis hat noch immer Bestand. Bis heute gilt es als Grundlage des protestantischen Glaubens. Hier die nachempfundene Übergabe der Confessio Augustana auf dem Reichstag 1530, zu sehen auf dem Konfessionsbild in der St. Johannis Kirche in Schweinfurt.

Aber für Kaiser Karl V. war die Confessio Augustana trotz aller Vermittlungsbemühungen von Melanchthon keine Verhandlungsgrundlage. Auch nach dem Reichstag in Augsburg 1533 standen sich Altgläubige und Protestanten unversöhnlich gegenüber.

Die krachende Niederlage der Protestanten im Schmalkaldischen Krieg hat Martin Luther nicht mehr erlebt. Luther starb ein Jahr zuvor im Februar 1546. Das Bild ist ein Portrait des toten Reformators. Nach der Eroberung Wittenbergs besuchte der Kaiser Luthers Grab. Karl V. war auf dem Höhepunkt seiner Macht. Er wähnte die Protestanten besiegt und die Kirche geeint. Dass er 10 Jahre später völlig frustriert und erschöpft aufgeben würde, ahnte er noch nicht…


