Mit Hiram Kümper: Am 22. Januar 1536 wurden den drei Anführern „alles Fleisch mit glühenden Zangen von den Knochen abgerissen“ danach „Gurgel und Herz mit glühenden Eisen durchstoßen“. So steht es in ihrem Todesurteil. Die schaurige Hinrichtung auf dem Prinzipalmarkt von Münster dauerte mehrere Stunden. Ihre Überreste ließ der Bischof hoch aufhängen. Weit sichtbar. Zur Abschreckung.
Jedem Touristen in Münster werden die Käfige gezeigt. Oben am Südturm der Lambertikirche baumeln die drei mannshohen Metallkästen. In Ihnen wurden die Leichen der drei Anführer des Täuferreiches ausgestellt: Bernd Krechting, Bernd Knipperdolling und der „König von Münster“: Jan van Leiden.
Obwohl das Täuferreich in Münster nicht lange währte, zeigt es – wie unter einem Brennglas – das chaotische Ringen um den rechten Glauben. Die Ideen Martin Luthers waren noch nicht 10 Jahre alt. Sie hatten die Gläubigen aufgerüttelt, die alten Autoritäten infrage gestellt, aber noch keine feste neue Ordnung geschaffen. Die Menschen waren plötzlich offen für ganz neue Glaubenslehren und Lebensarten.
In Zürich entwickelte Huldrych Zwingli einen Zweig der Reformation, den späteren Calvinismus, der sich nicht mit Luthers Grundsätzen vereinbaren ließ. Auch direkte Schüler und Weggefährten Martin Luthers gingen andere Wege: Der Sozialrevolutionär Thomas Müntzer unterstützte in Mühlhausen die Bauernbewegung und der protestantische Prediger Karlstadt ließ wertvolle Bilder aus den Kirchen schmeißen. Mit diesen radikaleren Strömungen entwickelte sich die Täuferbewegung. Aus Süddeutschland kommend, fasste sie bald in den Niederlanden Fuß.
Die führenden Köpfe der Täuferbewegung, die aus den Niederlanden nach Münster kamen, hatten keine theologische Ausbildung. Jan Matthys (links) war Bäcker und Jan van Leiden (rechts) Schneider. Für sie und ihre Anhänger war eine formale Ausbildung nicht wichtig. Entscheidend war die göttliche Inspiration. Ihr Charisma.


Die Ankunft von Jan Matthys war ein martialischer Auftritt. Mit einem Bildersturm ließ er die Münsteraner Kirchen verwüsten und verkündete sein „apokalyptisches Programm“. Er kündigte die Wiederkehr Christi an. Bis dahin müssten alle Gottlosen vernichtet werden. Mit dieser Endzeit Prophezeihung traf er den Nerv vieler Gläubigen. Das bevorstehende Weltenende, die Erwachsenentaufe und die Ablehnung jeglicher Obrigkeit waren die zentralen Botschaften der Täufer von Münster.
Schnell bildete sich um den Bischof, Franz von Waldeck, eine militärische Allianz, die die Herrschaft der Täufer in Münster rasch beenden wollte. Altgläubige und Lutheraner machten gemeinsam gegen die Täufer mobil und belagerten die Stadt.

Jan Matthys, demonstrieren wollte demonstrieren, dass er von Gott auserwählt sei und ritt unbewaffnet aus dem Stadttor. Sofort wurde er von den Landsknechten des Bischofes niedergemetzelt. Die Lage der Täufer in Münster war schon nach kurzer Zeit aussichtslos. Hunger und Verzweiflung machten sich breit. Die angekündigte Endzeitstimmung wurde schnell Realität.

Jan van Leiden, ernannte sich zum „König von Münster“. Der Historienmaler Johann Karl Bähr hat in diesem Bild, die Taufe einer jungen Frau durch Jan van Leiden nachempfunden. Im belagerten Münster sollen dreimal mehr Frauen als Männer gelebt haben. Die Gründe dafür sind unklar. Waren sie Anhängerinnen oder in der Stadt gefangen, weil sie nicht so einfach fliehen konnten? 1534 führte Jan van Leiden die Vielehe ein. Männer wurden aufgefordert, möglichst viele Frauen zu heiraten. Jan van Leiden selbst heiratete 16 mal. Seine Frau Elisabeth Wandscherer enthauptete er wegen angeblichem Ungehorsam.

Das Täuferreich hielt dem Belagerungsdruck nicht lange stand. 18 Monate nach seiner Ausrufung eroberte die Allianz von Altgläubigen und Lutheranern die Stadt.

Der Führungsriege der Täufer wurde der Prozeß gemacht. Sie wurden verurteilt und danach stundenlang auf dem Prinzipalmarkt in Münster öffentlich zu Tode gefoltert.
Mit Hiram Kümper, Professor für die Geschichte des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit an der Uni Mannheim, spreche ich über die Zeit der Konfessionalisierung, die Orientierungssuche der Gläubigen, Motive der Täufer, ihr Charisma und ob es tatsächlich in Münster 1534 einen „Frauenüberschuss“ gab.


