Mit Ute Planert: Bewunderter Revolutionär oder gehasster Usurpator? Wir sind in unserer chronologischen Erzählung bei der französischen Revolution angekommen. Als 1789 in Paris der Sturm auf die Bastille losbrach, war Napoleon Bonaparte 19 Jahre alt und weit weg vom Geschehen. Ein hochbegabter junger Leutnant auf einer Artillerieschule in der Nähe von Dijon.
Er wuchs als Sohn einer angesehenen Familie auf Korsika auf und war ein Mathe-Genie. Nützlich für die Berechnung der Einschläge von Kanonenkugeln. Schnell machte er in der französischen Artillerie Karriere. Als sich im ersten Revolutionskrieg Österreich, Preußen, Großbritannien gegen die französischen Revolutionäre verbündeten, glänzte Napoleon mit seiner Artillerietaktik und wurde mit 24 Jahren zum Brigadegeneral befördert. 1796 erhielt er das Oberkommando über die französische Italienarmee.Zusammen mit den anderen französischen Generälen zwang er Österreich zum Frieden von Campo Formio.
Die französischen Truppen waren viel beweglicher als die herkömmlichen europäischen Heere. Mit ihrer Schnelligkeit konnten sie die verbündeten Gegner trennen und einzeln attackieren. Napoleon suchte stets den schwächsten Punkt des Feindes und ließ ihn sturmreif schießen. Zusätzlich achtete er auf gute PR Arbeit. Er veröffentlichte drei Feldzeitschriften, die sowohl die eigenen Soldaten als auch die Französinnen und Franzosen in der Heimat über seine Erfolge informierten. Auch sein berühmtes Bild der Alpenüberquerung auf dem Pferd gehört zu dieser PR Maschine. Tatsächlich passierte er die Alpen auf einem Maulesel, wie das Gemälde von Paul Delaroche zeigt, das er 50 Jahre später anfertigte ( rechts unten).


Neben Österreich war England der Hauptgegner Frankreichs. Die Engländer hatten den Franzosen ihren Rang als Kolonial- und Handelsweltmacht abgenommen. Diese Vorrangstellung unter den Kolonialmächten wollte Napoleon zurückerobern. Deshalb zog er nach dem Sieg über Österreich nach Ägypten, um den Welthandel der Engländer lahmzulegen.

Obwohl dieser Feldzug eine Pleite war, kehrte Napoleon im Triumphzug nach Paris zurück, zettelte einen Staatsstreich an und ließ sich zum Ersten Konsul der Republik wählen. Zehn Jahre nach dem Sturm auf die Bastille – 1799 – erklärte er die Französische Revolution für beendet. Aber die Kriege in Europa gingen weiter. Napoleon besiegte Österreich erneut und ordnete die Mitte Europas neu.
Frankreich beanspruchte den Rhein und die Pyrenäen als seine natürlichen Grenzen. Kaiser Franz II. gab alle Territorien links des Rhein an Frankreich ab: Trier, Mainz Köln mit ihren dazugehörigen Gebieten. Auch die Kurpfalz und das Saarland. Die Fürstentümer, die dadurch Gebiete verloren, sollten reichsintern durch andere Ländereien entschädigt werden. Die konnten nur von der Reichskirche kommen oder selbstständige Städte sein, die bisher ausschließlich dem Kaiser untergeordnet waren. Mit dem „Reichsdeputationshauptschluss“ von 1803 verloren 45 Reichsstädte ihre Eigenständigkeit. Sie wurden in benachbarte Herrschaftsgebiete eingegliedert. Nur Hamburg, Bremen, Lübeck, Frankfurt am Main, Augsburg und Nürnberg blieben selbstständig. Abteien, Stifte und Kurfürstentümer der Reichskirche wurden fast ausnahmslos säkularisiert, also weltlichen Herrschern übertragen.
Napoleons europaweiter Gestaltungsanspruch blieb naturgemäß nicht unwidersprochen. Zum dritten Mal wurde Frankreich angegriffen. Auch diesmal führten Russland und Großbritannien die Kriegskoalition an, der sich wiederum Österreich anschloss. Preußen verhielt sich neutral. Aber Bayern, Württemberg und Baden wechselten diesmal die Fronten: Nachdem Frankreich sie beim Reichsdeputationshauptschluss so vorteilhaft behandelt hatte, traten sie nun auf Napoleons Seite. Napoleon nahm sich zuerst die Österreicher vor, die ihm wieder nicht gewachsen waren. Im November 1805 marschierte er ohne Gegenwehr in Wien ein und im Dezember schlug er die russisch-österreichischen Truppen in der Schlacht bei Austerlitz vernichtend.
Die siegreichen Verbündeten Frankreichs: Bayern, Württemberg und Baden wurden reich entlohnt. Der Traum jedes Regionalherrschers ging für Ihre Landesherren in Erfüllung. 1806 wurden Bayern und Württemberg zu selbstständigen Königreichen und das Kurfürstentum Baden zum souveränen Großherzogtum. Das Bild zeigt den feierlichen Einzug von Napoleon in München, der als verehrter Held gefeiert wird.

Die Könige und der Großherzog von Napoleons Gnaden: Von links nach rechts: Max I. Joseph von Bayern, Friedrich I. von Württemberg und Karl Friedrich Großherzog von Baden.



Als Alternative zum Heiligen Römischen Reich initiierte Napoleon die Gründung des „Rheinbundes“,ein profranzösischer föderativer Staatenbund.
In den Rheinbund konnte nur eintreten, wer aus dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation ausgetreten war. Die neuen Königreiche Bayern und Württemberg, das selbstständige Großherzogtum Baden, und Hessen-Kassel waren die ersten Mitgliedsstaaten, bald danach versammelten sich im Rheinbund fast alle deutschen Staaten mit Ausnahme von Preußen und Österreich. Ein Zusammenschluss der deutschen Mittel- und Kleinmächte unter dem Schutz Frankreichs. Militärische Pufferzone und politisches Experimentierfeld in einem.

Diese Politik führte zum Ende des Heiligen Römischen Reiches. 1806 dankte der Kaiser ab und die Insignien der Macht wanderten als Schaustücke in die Schatzkammer der Hofburg in Wien. Hier die Auflösungsurkunde des Heiligen Römischen Reiches:

In den Monaten nach Ende des Heiligen Römischen Reiches überschlugen sich die Ereignisse. Zuerst gab Preußen seine jahrelange Neutralität auf und verlangte den Abzug aller französischen Truppen hinter den Rhein. Napoleons Antwort kam schnell und gnadenlos: In der Schlacht von Jena-Auerstedt brach Preußen militärisch zusammen.
Die preußische Königin Luise versuchte nach der Niederlage durch ein persönliches Gespräch Napoleon milder zu stimmen. Aber ohne Erfolg. Im Frieden von Tilsit musste Preußen die Hälfte seiner Gebiete abgeben und wurde zur Mittelmacht degradiert. Napoleon ergriff die Chance, marschierte nach Norddeutschland und besetzte Hamburg, Bremen und Lübeck. In Hamburg wurden Kirchen zu Pferdeställen für die französische Kavallerie zweckentfremdet.

Napoleon hatte die großen Hafenstädte in Norddeutschland besetzt, um die Kontinentalsperre auszurufen. Er wollte mir einer Hafen- und Seeblockade den englischen Welthandel zum Erliegen bringen. Die Kontinentalsperre hielt er jahrelang aufrecht. Für die norddeutschen Hansekaufleute war das eine Katastrophe. Das Bild unten zeigt eine Warenverbrennung auf dem Grasbrook in Hamburg. Ohne die Importe aus England und seinem Kolonialreich litt der gesamte deutsche Handel. Es machte sich eine Wirtschaftskrise breit.

Napoleon war nicht nur ein Feldherr, sondern auch ein gesellschaftlicher Reformer. Schon 1804 hatte er eigenhändig ein Bürgerliches Gesetzbuch, den Code Napoleon, geschrieben und in Kraft gesetzt. Auch ganz praktische Verbesserungen wie die einheitliche Rechnung in Meter und Kilometer hat er in Deutschland durchgesetzt. 1807 gründete er einen Modellstaat in Deutschland, der die Einwohner von den Vorzügen seiner Herrschaft überzeugen sollte: Das Königreich Westphalen mit der Hauptstadt Kassel. Regent wurde sein Bruder Jérôme.

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Die Seeblockade gegen England traf auch den russische Export empfindlich und trieb Russland in eine Wirtschaftskrise. Das war einer der Gründe, weshalb sich das Verhältnis zwischen dem russischen Zaren und Napoleon so sehr verschlechterte, dass Napoleon 1812 zum Russlandfeldzug aufbrach. Mit 600.000 Soldaten.
Der Feldzug wurde ein Fiasko für die französische Seite. Nur wenige tausend Soldaten schafften den Rückzug. Die anderen Großmächte witterten ihre Chance, die geschwächten Franzosen zu schlagen. Im Oktober 1813 kam es zur Völkerschlacht bei Leipzig. Die das vorläufige Ende Napoleons besiegelte.

Nachdem Napoleon geschlagen war und nach Elba verbannt wurde, trafen sich die Großmächte 1814 zum Wiener Kongress und schnitten Europa neu zu. Die französischen Eroberungen und Neuordnungen wurden rückabgewickelt. Frankreich verlor die linksrheinischen Territorien wieder und die Siegermächte teilten die Gebiete neu auf.

Der Wiener Kongress dauerte mehrere Monate. Zeit genug für Napoleon, nach Frankreich zurückzukehren. Er befreite sich aus seiner Verbannung auf Elba und marschierte mit seinen Anhängern nach Paris, um den Kampf wieder aufzunehmen. Währenddessen verhandelten die vermeintlichen Siegermächte noch in Wien.
Neun Tage nach dem Ende des Wiener Kongresses kam es 1815 zur Schlacht bei Waterloo. Englische und preußische Truppen besiegten Napoleon endgültig. Danach wurde er nach St. Helena verbannt. Eine Insel im südlichen Atlantik 7250 km von Paris entfernt. Das Heilige Römische Reich wurde nicht wiederbelebt. Es wurde durch den „Deutschen Bund“ ersetzt, in den alle deutschen Staaten, Österreich und Preußen eintraten.
Bewunderter Revolutionär oder gehasster Usurpator? -Diese Frage bespreche ich mit Ute Planert, Universitätsprofessorin in Köln und Napoleonexpertin .


