Den Beitrag als Podcast hören:

#74 Deutschland: Die Idee einer Nation

Mit Dieter Langewiesche:

Die Ideen der französischen Revolution hatten auch in Deutschland das Denken verändert. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit waren für viele die schillernden Versprechen der Volkssouveränität. Aber:  Napoleon hatte mit seinen vielen Siegen über Österreich, Preußen und das Heilige Römische Reich auch gezeigt, wie wenig schlagkräftig das Reich mit seinen über 300 Klein- und Kleinstaaten war.

Im Widerstand gegen Napoleon entwickelten sich die ersten Ansätze einer nationalen Idee. Friedrich Jahn propagierte 1811 auf der Hasenheide in Berlin das „patriotische Turnen“: Leibesertüchtigungen von jungen Männern für den Kampf gegen Napoleon und für einen einheitlichen deutschen Nationalstaat. Allerdings einen Nationalstaat mit bürgerlichen Freiheitsrechten.

Aus den wenigen hundert Turnern zur Zeiten Napoleons entwickelte sich nach dem Krieg eine schlagkräftige Organisation mit 12.000 Turnern, die für bürgerliche Freiheitsrechte und die nationale Idee einstanden. Die jungen Turner trugen ihre Ideen auch an die Universitäten und so entwickelten sich die Studenten zur zweiten treibenden Kraft dieser Bewegung: 1817 luden Studenten aus Jena zum Wartburgfest ein. Anlässe waren zwei Jubiläen: Der Sieg über Napoleon bei der Völkerschlacht bei Leipzig jährte sich zum vierten Mal, und man feierte 300 Jahre Reformation. Studenten aus 11 Universitäten aus ganz unterschiedlichen Bundesstaaten versammelten sich, um die Idee von Einheit und Freiheit zu feiern.

© Von Autor/-in unbekannt – German History in Documents and Images, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7225986

Zwei Jahre später kam es 1819 zum ersten politisch motivierten Mord, der im Namen der liberalen-nationalen Bewegung verübt wurde. August von Kotzebue war ein prominenter vielgespielter Theaterautor und Publizist, der sich ständig über die Turner und die studentische Bewegung lustig machte. Er hatte in Russland Karriere gemacht, war russischer Staatsrat und Generalkonsul. Als herauskam, dass er dem russischen Zaren vertrauliche Berichte über die Revolutionsbewegung in Deutschland schickte, hielten ihn die Turner und Studenten für einen Spion und Verräter. Ein Theologiestudent aus Jena erstach Kotzebue am 23. März 1819.

© Von J. M. Volz zugeschrieben – Transferred from de.wikipedia; original upload log (all following user names refer to de.wikipedia):2006-05-11 19:42 Rabe! 464×326 (37345 bytes) „August von Kotzebues Ermordung“, kolorierter Kupferstich, vermutlich von J.M. Volz, gedruckt in Nürnberg bei A.P. Eisen um 1820, Rechte abgelaufen, Public Domain, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5538281

Diesen Mord nahm der österreichische Staatskanzler Fürst von Metternich zum Anlass, zurückzuschlagen. Er lud zu einer Geheimkonferenz des Deutschen Bundes nach Karlsbad und ließ antirevolutionäre Maßnahmen erarbeiten.

© Von Thomas Lawrence – Royal Collection RCIN 404948, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6756329

Die Burschenschaften wurden verboten. Auch das patriotische Turnen. Turnvater Jahn wurde der Prozess gemacht; er kam mehrere Jahre hinter Gitter und wurde danach zur politischen Untätigkeit gezwungen. Die Zensur wurde wieder eingeführt und galt für alle Zeitungen und Bücher. Außerdem wurden liberale Professoren mit Berufsverboten belegt. Die zeitgenössische Karikatur wirft die Frage auf, ob das Denken schlechthin verboten sei:

© Von Der ursprünglich hochladende Benutzer war Auntieruth55 in der Wikipedia auf Englisch – [1] ([2]). 1st version: http://germanhistorydocs.ghi-dc.org/sub_image.cfm?image_id=427 Also, Michael Behnen, „Deutschland under Napoleon, Restauration und Vormärz,“ in Deutsche Geschichte, von den Anfängen bis zur Gegenwart, Martin Vogt, Her. Frankfurt, Fischer, 2002. page 426.), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7811937

Auch zwei liberal und national gesinnte Brüder litten unter den Karlsbader Beschlüssen, weil die Zensur ihre wissenschaftliche Arbeit behinderte. Die Gebrüder Grimm waren Bibliothekare an der kurfüstlichen Bibliothek in Kassel und hatten bereits ihre Sammlung von deutschen Märchen und Sagen herausgegeben. Darunter auch die thüringische Erzählung vom Kaiser Rotbart, der im Kyffhäuser in einem unterirdischen Schloss darauf wartet, das Reich zu retten. Diese Thüringer Regionalsage avancierte durch die Veröffentlichung der Grimms zum Leitmotiv der nationalen Bewegung: Die nationale Einheit, verkörpert durch Kaiser Rotbart, wartet auf ihr Erwachen.

©Von Hermann Biow – [1], Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=78917236
©Von Holger Eberle – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=21770995

Diese Suche nach dem „Goldenen Mittelalter“ als identitätsstiftende Zeit für eine deutsche Nation ist uns in diesem Podcast schon mehrfach begegnet. Hier beginnt sie als politisches Projekt einer Nationalerzählung. Nicht allein mit der Kyffhäusersage, auch mit der Wiederentdeckung von Herrman dem Cherusker oder der Nibelungensage, die 1827 auf neuhochdeutsch übersetzt wurde und Begeisterungsstürme auslöste.

1825 wurde Ludwig I. König von Bayern. Ludwig war die Hoffnung vieler Liberaler: Er stand für Pressefreiheit, holte die Ludwig-Maximilians-Universität nach München und unterstützte die Wissenschaft. Fünf Jahre nach seinem Regierungsantritt ließ er die Walhalla in Regensburg bauen, als den Gedächtnisort für das gesamte deutsche Volk. Dort wird bedeutenden Persönlichkeiten „deutscher Zunge“ gedacht. Also nicht nur Bayern sondern Geistesprominenz aus der gesamten deutschen Kulturnation.

© Von Avda – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=42574382

1830 gaben zwei außenpolitische Ereignisse der revolutionären Bewegung in Deutschland neue Kraft. In Frankreich versuchte König Karl X. den Absolutismus in Frankreich wieder einzuführen. Dagegen stand die Bevölkerung auf und vertrieb Karl X. nach einem dreitägigen Barrikadenkampf und setzten einen Bürgerkönig ein. Gleichzeitig rebellierten polnische Revolutionäre gegen ihre russischen Besatzer. Ihre Revolution wurde zwar niedergeschlagen, aber 1830 machten sich 30.000 polnische Revolutionäre auf den Weg nach Frankreich. Dabei durchwanderten sie zwangsläufig Deutschland.

Der revolutionäre Funke aus Frankreich sprang zunächst auf die Rheinpfalz über. 1832 luden zwei Journalisten aus der Pfalz zu einem scheinbar unpolitischen Volksfest auf die Ruine der Burg Hambach. Doch das Volksfest war nur Tarnung für die größte politische Protestversammlung seit vielen Jahren. 30.000 Menschen aus fast allen Gesellschaftsschichten feierten zwei Tage lang ein Fest der Freiheit.

©Von Erhard Joseph Brenzinger – Full colored illustration from 1832, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=658047

Das Hambacher Fest verlief friedlich und wurde auch nicht von der Obrigkeit aufgelöst. Dafür hat es sie viel zu sehr überrascht. Aber gleich danach griff König Ludwig von Bayern durch. Die Rheinpfalz gehörte seit 1816 zu Bayern und Ludwig schickte 8.500 Soldaten um sicherzugehen, dass sich so etwas nicht wiederholt.

Ein Jahr nach dem Hambacher Fest versuchten 100 Studenten in Frankfurt die Hauptwache und die Konstabler Wache zu stürmen.Erfolglos.1834 erschien eine Untergrundflugschrift: Der Hessische Landbote. Der Schriftsteller Georg Büchner formulierte darin den berühmten Satz „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“.

© Von Georg Büchner, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1026113

Im November 1837 setzte der neue König von Hannover Ernst August I. die liberale Verfassung seines Königreichs außer Kraft und entband alle Staatsdiener von ihrem Verfassungseid. Daraufhin rebellierten sieben Professoren an der Uni Göttingen. Sie betrachteten die Verfassung als einen Vertrag zwischen Herrscher und Volk, den ein Monarch nicht einseitig kündigen könnte. Die Göttinger 7 wurden sofort entlassen und durch ihren Protest berühmt. Und zwei ihnen kennen wir bereits: die Gebrüder Grimm. Sie hatten inzwischen als Professoren in Göttingen Karriere gemacht und standen nun auf der Straße.

© Von Karl Rohde – Ursprung unbekannt, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6617852

Aber: wie zehn Jahre zuvor, brauchte es wieder ein externes Ereignis, um eine Welle des nationalen Patriotismus in Deutschland auszulösen. Und wieder kam der Impuls aus Frankreich. Der französische „Bürgerkönig“ Louis-Philippe I. forderte die Revision der Verträge des Wiener Kongresses und forderte die linksrheinischen deutschen Gebiete (die Preußische Rheinprovinz und die Bayerische Rheinpfalz) als französisches Territorium zurück. Diese Forderung provozierte Empörung bei allen Gesellschaftsschichten. Eine nationale patriotische antifranzösische Welle brach los.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben dichtete während dieser Krise das „Lied der Deutschen“. „Einigkeit und Recht und Freiheit“ werden darin gefeiert, und in den anderen Strophen auch „Deutschland, Deutschland über alles“. Doch ein geeintes Deutschland gab es damals noch nicht. Deshalb ist diese Dichtung kein antifranzösisches Schmählied sondern drückt die Hoffnung auf eine nationale Einheit aus. Eine innenpolitische Prioritätensetzung, die die nationale Idee eines geeinten Deutschlands höher rankt, als zum Beispiel die Bedeutung der Königreiche Preußen, Bayern oder Württemberg.

© Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1015811

Über die revolutionäre Idee der nationalen Einheit in Freiheit spreche ich in dieser Episode mit Dieter Langewiesche.

Hast du Feedback für mich?

Dann schreibe mir doch unter jan@99xgeschichte.de!