Nach der endgültigen Niederlage Napoleons hatte sich die Mitte Europas neu sortiert. Österreich, Preußen und 40 weitere deutsche Staaten und Städte bildeten den Deutschen Bund. Ein föderaler Zusammenschluss, der auf dem Bundestag in Frankfurt unter dem Präsidium Österreichs nach gemeinsamen politischen Linien suchte.
In einer Haltung waren sich fast alle Fürsten einig: So eine Revolution durfte es nie wieder geben. Unter der Leitung des österreichischen Kanzlers Metternich, drehten sie bürgerliche Freiheiten, die mit der französischen Revolution auch in Deutschland Einzug gehalten hatten, wieder zurück. Die Politik der „Restauration“ wollte die Zustände vor der französischen Revolution wieder herstellen: Versammlungsverbote, Einschränkung der Pressefreiheit, ein Spitzelsystem und hohe Strafen für freiheitliche Denker.
Carl Spitzweg hat in dieser Zeit ein Bild gemalt, das die Flucht der Intellektuellen ins Innere besonders pointiert zeigt. „Der arme Poet“ verbrennt auf diesem Gemälde seine eigenen Skripte, denn angesichts der Zensur können sie nur zum Heizen dienen. In einer Dachkammer liegt der Dichter abgemagert im Bett nur von einem Regenschirm geschützt, denn durch die Decke regnet es rein. Die Verfolgungen und Berufsverbote zwangen freiheitliche Denker in die Armut. Das Bild wirkt heute romantisch-skurril. 1839 drückte es den stillen Protest von Carl Spitzweg gegen die Restaurationspolitik aus.

Gleichzeitig zu diesen Repressalien traten gravierende gesellschaftliche Probleme auf. Die Abschaffung der Leibeigenschaft hatte für Millionen besitzloser Landarbeiter gesorgt, die nun auf Arbeitssuche in die Städte zogen.
Zusätzlich brach eine Hungerkrise über Deutschland herein. 1846/47 vernichtete Dauerregen viele Ernten. Durch die Feuchtigkeit breitete sich die Kartoffelfäule aus. Ein aus Amerika eingeschleppter Pilz machte die Knollen ungenießbar. Inzwischen waren Kartoffeln aber das Hauptnahrungsmittel für die unteren Schichten. Als sie knapp wurden, schossen die Lebensmittelpreise in die Höhe,und die Menschen hungerten.
Zum Hunger und der politischen Gängelung kam die Nachricht aus Frankreich, dass die Franzosen sich wieder eines Königs entledigt hatten: Im Februar 1848 stürzten Revolutionäre in nur drei Tagen den französischen König und gründeten eine bürgerlich-sozialistische Übergangsregierung: Die zweite Französische Republik.
Diese Meldungen fachten Aufstände auch in Deutschland an. In Berlin und Wien kam es zu Barrikadenkämpfen von hungernden Unzufriedenen gegen die Obrigkeit. Doch nicht nur in den Zentren, in alle Regionen Deutschlands regte sich der Widerstand.

Alexander von Humboldt war schon 79 Jahre alt. Der Naturforscher hatte die Welt bereist und wurde europaweit verehrt. Er war Preußens wichtigster Wissenschaftler und enger Vertrauter des preußischen Königs. Und gerade deshalb war es für ihn eine Gratwanderung. In den Unruhen in Berlin im März 1848 waren 183 junge Revolutionäre umgekommen. Zu ihrer Beerdigung sammelten sich 20.000 Berlinerinnen und Berliner und zogen vom Gendarmenmarkt, am Stadtschloss vorbei in den Volkspark Friedrichshain. Der größte Protestmarsch, den Berlin bis dahin gesehen hatte. Und an der Spitze des Zuges, direkt hinter den Särgen ging Alexander von Humboldt. Als der Zug das Stadtschloss passierte, verbeugte sich der Preußische König vor den Toten. Die Revolutionäre interpretierten diese Geste als Kooperationsangebot.

Aus einem konspirativen jährlichen Treffen von 50 liberal gesinnten Politikern auf einem Weingut im Rheingau entwickelte sich die entscheidende politische Bewegung. Sie forderten 1848 eine freie und gleiche Wahl zu einer Nationalversammlung, und die Fürsten ließen sich darauf ein.
Am 1.Mai 1848 fand die freie und gleiche Wahl zu der Nationalversammlung statt. Es war eine Männerwahl. Frauen durften keine Stimme abgeben. Alle volljährigen Männer mit Staatsangehörigkeit im Deutschen Bund durften wählen. Allerdings gab es eine große Einschränkung: Die Wähler mussten selbstständig sein. Das heißt, abhängig Beschäftigte wie Dienstboten, Knechte oder Tagelöhner hatten keine Stimme.

Die Nationalversammlung tagte in der Paulskirche in Frankfurt. Die Diskussion über die Verfassung dauerte 10 Monate. Bei den Grundrechten, der Abschaffung der Adelsprivilegien und der Einführung der Rechtsstaatlichkeit war man sich relativ schnell einig. Schwierig war die nationale Frage. Wer gehört zu dem neuen Nationalstaat und wer nicht? Dabei ging es vor allem um Österreich. Österreich wollte den neuen Staat anführen, sich aber nicht von Ungarn oder Norditalien trennen. Ein Staat mit mindestens drei Nationalitäten konnten sich die anderen Länder aber nicht vorstellen. Österreich wiederum weigerte sich, seinen Vielvölkerstaat aufzuteilen.

Österreich entschied sich gegen eine Mitgliedschaft in dem neuen Staat. Deshalb lief alles auf die sogenannte „kleindeutsche“ Lösung zu: alle deutschen Staaten ohne Österreich. Damit kam Preußen fast automatisch eine Führungsrolle zu.
Dann blieb noch die Frage des Reichsoberhauptes. Die Nationalversammlung entschied sich für einen Kaiser als Reichsoberhaupt – also keine Republik. Und: die Kaiserwürde sollte in Zukunft vererbbar sein. Also Schluss mit dem über 1000 Jahre alten Wahlkönigtum.
Die Verfassung, auf die sich die Nationalversammlung geeinigt hatte, wurde am 28. März 1849 verkündet. Die Nationalversammlung trug dem preußischen König die vererbbare Krone des neuen deutschen Reiches an. Und… er lehnte ab. Nach einem Monat Bedenkzeit beleidigte er die Parlamentarier mit dem Satz, dies sei eine „Krone aus der Gosse“ mit dem „Ludergeruch der Revolution“. Obwohl er noch ein Jahr zuvor positive Signale gesendet hatte.


Daraufhin brachen wieder Aufstände in vielen Teilen Deutschlands aus. In Dresden kämpfte der 35 jährige Richard Wagner an vorderster Front. Er war eigentlich Hofkapellmeister aber riskierte für die Revolution seine wirtschaftliche Existenz. Vom Turm der Kreuzkirche hielt er die anrückenden sächsischen und preußischen Truppen im Blick und dirigierte die Gegenwehr der Revolutionäre.

Aber auch das Wiederaufflammen des radikalen Widerstandes änderte an dem Ergebnis nichts. Der preußische König hatte die Verfassung abgelehnt. Ihm schlossen sich die anderen Könige und Fürsten an und schlugen den Protest militärisch nieder.
Politisch kehrten die feudalen Herrscher zum Deutschen Bund zurück. Mit Österreich. Auch die Repressalien mit Blick auf Pressefreiheit und Versammlungsverbote wurden wieder erhöht.

Carl Spitzweg malte 1855 ein Bild namens „Aschermittwoch“. Das hängt in der Staatsgalerie Stuttgart und zeigt einen als Clown verkleideten Mann in einer kargen Gefängniszelle. Aus einer einzigen Luke fällt von oben ein fahler Lichtstrahl auf den deprimierten Harlekin. Die Botschaft des kleinen Gemäldes: Wie an einem Aschermittwoch sind die Revolutionäre von 1849 aus einem Rausch aufgewacht und in der Realität der Gefängniszelle angekommen.

In dieser Episode spreche ich mit Dieter Langewiesche über die gescheiterte Revolution und was trotzdem von ihr geblieben ist.


