Die Gründung des Deutschen Kaiserreiches war nicht nur für die Nation historisch, sondern auch für eine kleine Minderheit in der Bevölkerung: Den Jüdinnen und Juden. Das Gesetz zur „Gleichberechtigung der Konfessionen“ galt im neuen Kaiserreich. Das heißt: Der jüdische Glaube durfte nicht mehr diskriminiert werden. Beschränkungen bezüglich Wohnort, Beruf oder Eigentum wurden aufgehoben und Jüdinnen und Juden als Staatsbürger anerkannt. Damit waren Jüdinnen und Juden nach Jahrhunderten der Diskriminierung endlich rechtlich den christlichen Bürgern gleichgestellt.
Aber der Judenhass hörte nicht auf. Er wechselte nur das Gewand: Der Journalist Wilhelm Marr entwickelte 1879 den Begriff „Antisemitismus“. Denn der alte Judenhass war religiös geprägt. Aber dieses Motiv passte nicht mehr zu den inzwischen weltlich gewordenen Juden und schon gar nicht auf die, die sich taufen ließen. Also musste ein anderes Unterscheidungsmerkmal her.
Das Wort „Antisemitismus“ hatte einen wissenschaftlichen rationalen Klang. Die Anitsemiten setzten nicht mehr bei der Religion an, sondern behaupteten, Juden wären eine eigene Rasse, die „Semiten“. So blieb ein Jude, egal ob er gläubig, getauft oder atheistisch war, immer ein Jude.
Und wie reagierten die Juden? Mit ganz unterschiedlichen Ideen: Walter Rathenau zum Beispiel kam aus einer Großindustriellen Familie. Er war der Sohn des AEG Gründers und schickte sich an, Politiker zu werden. Rathenau war ein deutscher Patriot und litt darunter, dass er, wie er selbst sagte, kein „ganz normaler Deutscher“ sei. Er war Jude und realisierte, dass er deshalb immer „Bürger zweiter Klasse“ sein werde. Seine politische Antwort darauf war: Radikale Anpassung. Damit meinte er sich selbst und seine jüdischen Mitbürger.

Einen ganz anderen Plan entwickelte der Feuilletonchef der „Neuen Freien Presse“ in Wien: Theodor Herzl. Er schrieb Theaterstücke fürs Burgtheater und war eine intellektuelle Instanz in der Stadt. Auch ihn trieb die Frage um, wie man dem grassierenden Antisemtismus den Boden entziehen könnte. Zuerst war er auf der Anpassungslinie von Walter Rathenau. Er entwickelte den Plan, alle jüdischen Kinder im Stefansdom christlich taufen zu lassen.

Zwei Ereignisse haben aber eine 180-Grad Wende im Denken von Theodor Herzl ausgelöst. Das eine war die Wahl des Antisemiten Karl Lueger zum Bürgermeister von Wien. Der wurde nicht trotz sondern wegen seines Antisemitismus von vielen Wienern verehrt und mehrfach wiedergewählt.
Das andere Ereignis war die Dreyfus-Affaire in Frankreich. Rund um den Justizskandal eines unschuldig verurteilten jüdischen Armeehauptmanns brach im Mutterland der Revolution und der Menschenrechte eine antisemitische Welle los. Für Herzl gab es danach nur eine logische Konsequenz: Wenn selbst in Frankreich der Antisemitismus nicht aufzuhalten ist, dann müssen wir weg hier. Er entwickelte die Idee eines eigenen Judenstaates. Der Berg Zion in Jerusalem ist der spirituelle Mittelpunkt des Judentums. Deshalb gab Herzl seiner Bewegung den Namen „Zionisten“. Viele Juden lachten über diese Idee. Teilweise hatte er auch entschlossene jüdische Gegner. Die Münchener Juden verhinderten, dass Herzl seinen ersten Zionistenkongress in München abhielt. Deshalb verlegte er ihn 1897 nach Basel.

Nach sechs Kongressen, unzähligen politischen Gesprächen und Initiativen starb Theodor Herzl 1904 ohne konkrete Erfolge. 44 Jahre später wurde Israel gegründet.
Trotz der Anfeindungen betrachtete die Mehrheit der Jüdinnen und Juden Deutschland als ihre Heimat. 100.000 jüdische Männer zogen für das deutsche Kaiserreich in den Ersten Weltkrieg. 12.000 von ihnen starben an der Front. Aber auch diesem Beweis der Vaterlandsliebe misstraute das Militär. Durch die „Judenzählung“ wollte man feststellen, wieviele Juden tatsächlich als Soldaten dienten.

Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg radikalisierte sich der Antisemitismus in Deutschland auf eine bisher beispiellose Weise. Die Verschwörungserzählung der „Dolchstoßlegende“ machte die Juden für die Niederlage verantwortlich. Das deutsche Heer sei an der Front unbesiegt geblieben, aber von hinten („aus der Heimat“) durch Sozialisten, Kommunisten und vor allem Juden erdolcht worden. Für den Zusammenbruch sei die „jüdische Weltverschwörung“ verantwortlich.
Walter Rathenau – der Fürsprecher der Anpassung – wurde 1922 Außenminister in der Weimarer Republik. Damit schien seine Strategie der radikalen Anpassung aufgegangen zu sein. Allerdings überlebte er in diesem Amt nur fünf Monate. Er wurde auf offener Straße von einer antisemitischen Terrorgruppe ermordet. Mit Maschinengewehrsalven und einer Handgranate.

Der Maler Max Liebermann, selbst Präsident der Preußischen Akademie der Künste, und Albert Einstein, Direktor des Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik, hatten Rathenau noch am Abend vor seinem Amtsantritt davon überzeugen wollen, nicht Außenminister zu werden. Die Zeit sein nicht reif für einen Juden in so einem politisch exponierten Amt. Albert Einstein erhielt im Jahr der Ermordung Rathenaus den Nobelpreis für Physik.


In dieser Episode spreche ich mit Prof. Michael Brenner über die Judenemanzipation und den aufkommenden Antisemitismus.


