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Sonderfolge: Das Skelett von Otto dem Großen

Diese Woche hatte Harald Meller der Landesarchäologe von Sachsen Anhalt in einen Hörsaal der Uni-Klinik Magdeburg geladen und ich dachte, ich guck nicht richtig. Auf einem langen weißen Tisch lag ein sehr altes und sehr gut erhaltenes Skelett. Sollten das wirklich die über 1000 Jahre alten Knochen des ersten römisch-deutschen Kaisers sein? Seit der Graböffnung im Sommer haben sich über 50 international renommierte Wissenschaftler mit dem Grabinhalt und vor allem den menschlichen Überresten darin befasst.

Und was fand man: Ein Tuch aus roter Seide, eine blaue Decke mit eingewebten Silberfäden, Obstkerne, ein Stück Fensterglas, eine Münze, den sogenannten Moritzpfennig aus dem 13. Jahrhundert und ein Ei. Das alles gibt Rätsel auf. Aber der wichtigste Fund im Grab waren Knochen.

© Jan Schulte-Kellinghaus

Die sterblichen Überreste wurden von Anthropologen, Radiologen, Rechtsmedizinern, experimentellen Orthopäden, Bioarchäologen und Gesichtschirurgen untersucht. Zusammen habe sie festgestellt:

Das Skelett ist in einem hervorragenden Zustand, es handelt sich um einen Mann mit einer Körpergröße von 1,80 m, also war er einen Kopf größer als der männliche Durchschnitt damals. Der Mann wurde zwischen 55 und 65 Jahre alt. Er hat ausgeprägte Muskelansätze an den Oberschenkel- und Beckenknochen, was darauf hindeutet, dass er viel geritten ist in seinem Leben.

© Jan Schulte-Kellinghaus

Er litt unter Arthrose an den Knie- und Hüftgelenken  Außerdem fanden die Experten verschiedene Verletzungen: Die Offensichtlichste: Sein Nasenbein ist verschoben und es fehlen drei Vorderzähne, ihm wurden also bei einem Schlag oder einem Sturz die Zähne ausgeschlagen.

© Jan Schulte-Kellinghaus

Sein linker Arm war mal gebrochen und er wurde am Hinterkopf mehrmals verletzt. Er hatte Karies, Paradontose und jede Menge Zahnstein.

© Jan Schulte-Kellinghaus

Und an seiner Schädelbasis und den Halswirbeln sind die Gefäßkanäle untypisch vergrößert, was einen Tod durch Schlaganfall plausibel macht. Das deckt sich mit der Geschichtsschreibung, die von einem plötzlichen Tod nach einem Essen berichtet.

© Jan Schulte-Kellinghaus
© Jan Schulte-Kellinghaus

Aber mit diesen Erkenntnissen war noch nicht die Frage geklärt, ob es sich bei dem Skelett um tatsächlich um den ersten römisch-deutschen Kaiser handelt. Alle Indizien deuteten darauf hin, aber Klarheit hatte man noch nicht.

Dann kamen Proben seines Skeletts nach Mannheim in das Engelhornzentrum für Archäologie. Hier sollte durch eine Radiocarbonuntersuchung der Knochen und Isotopenanalyse der Zähne der Sterbezeitpunkt nochmal gegengecheckt werden und man wollte Erkenntisse über die Ernährungsgewohnheiten bekommen.

Das Ergebnis: Ein Mann mit luxuriösen Essgewohnheiten, der vor über 1000 Jahren gestorben ist. Soviel war klar. Aber trotzdem fehlte noch immer der Beweis, dass es sich um Otto handelte. Denn eine DNa Probe braucht einen Abgleich mit einer bestimmten Person. Wir kennen das aus den Fernsehkrimis, wenn die Kommissare Haare von Verdächtigen sammeln oder Speichelproben oder die Zahnbürste mitnehmen. Man brauchte also eine DNa Spur von der man sicher weiß, dass sie von Otto dem Großen stammt, aber die hatte man nicht. Kein Abgleich möglich.

Und jetzt schlug der Zufall zu: der mittelalter Historiker Thomas Wozniak arbeitet an einem völlig anderen Projekt. Er hatte schon vor den Untersuchungen von Otto in Magdeburg eine Untersuchung der Knochen von Heinrich II. in Bamberg angeregt, weil er gerade in Bamberg eine Vertretungsprofessur hatte. Hier der Avatar von Heinrich II.:

Ein Portraitfoto eines älteren Mannes mit graumelierten Haaren und einem gestutzten Bart. Er trägt ein Kettenhemd mit einem roten Umhang darüber. Das Bild ist eine KI Nachbildung von Heinrich II. So soll er ausgesehen haben.
© Museen der Stadt Bamberg

Und diese beiden Untersuchungen ergaben ein Match. Denn die historischen Verwandschaftsverhältnisse konnten an den sterblichen Überresten exakt nachgewiesen werden.

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