Mit Gisela Muschiol:
Das ist einer der populären Irrtümer zur Geschichte: Die Hexenverfolgungen haben nicht im Mittelalter stattgefunden, sie waren ein Phänomen der Neuzeit. 40.000 – 60.000 Menschen wurden in Europa wegen angeblicher Hexerei hingerichtet.
Die Europäer hatten bereits begonnen, Amerika zu kartographieren, auf den Buchmessen in Frankfurt und Leipzig traf sich die intellektuelle Elite und Johannes Kepler war schon davon überzeugt, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt.
Doch selbst der Begründer der modernen Naturwissenschaften -Johannes Kepler – war vom Hexenglauben betroffen: Seiner Mutter Katharina wurde der Prozess gemacht: wegen Anmischung eines „Hexentranks“ und „Schadenzaubers“. Dabei war ihr Sohn zur Zeit der Anklage der Hofastronom des Kaisers. Aber sein VIP-Status schützte seine Mutter nicht vor der Hexenverfolgung. Eine Nachbarin hatte seine Mutter beschuldigt, ihr einen Zaubertrank verabreicht zu haben. Zusätzlich verspürte ein 8-jähriges Mädchen einen heftigen Schlag, als Katharina Kepler sie im Vorbeigehen berührte. Solche Nebensächlichkeiten reichten, um einen Prozess mit Todesstrafe anzustrengen. Im Landesarchiv Baden-Württemberg werden die Verhörprotokolle von Katharina Kepler aufbewahrt:

Hexen wurde die „Buhlschaft“, also der Beischlaf mit dem Teufel, unterstellt. Eine tatsächliche sexuelle Beziehung mit dem Teufel. Diese Beziehung, so glaubte man, verleihe ihnen übernatürliche Kräfte. Hexen könnten in der Nacht fliegen, einerseits um nach Kindern zu suchen, denen sie das Blut aussaugen können und andererseits um sich mit anderen Hexen zum Hexensabbat zu treffen. Heute hört sich das für uns nach einer nicht ganz jugendfreien Form von Bibi Blocksberg an. Vor 500 Jahren waren aber viele Menschen davon überzeugt. Auch davon, dass Hexen mit dem sogenannten „Schadenzauber“ jedes Elend über ihre Mitmenschen bringen können. Der Holzschnitt von Hans Baldung aus dem Jahr 1510 wurde häufig gedruckt:

1532 erließ Karl V. die Constitutio Criminalis Carolina ein Strafgesetzbuch, das im humanistischen Sinn besonders fortschrittlich war. Es vereinheitlichte die regional unterschiedlichen mündlich überlieferten Strafrechtstraditionen. Der Satz: „wo kein Kläger, da kein Richter“ galt nicht mehr. Jetzt konnte von Amts wegen ermittelt werden. Auch Gottesbeweise wurden abgeschafft. Wenn keiner die Tat bezeugen konnte, brauchte es für die Verurteilung eines Angeklagten, sein Geständnis. Auch die Foltermethoden wurden reglementiert. Es durfte zum Beispiel kein Blut fließen und es musste immer en Arzt anwesend sein. Im alten Rathaus von Regensburg kann man einen Folterkeller aus dieser Zeit besichtigten.

Viele der Hexerei angeklagten Frauen und Männer legten Scheingeständnisse ab, um der Folter zu entgehen. In der Vorstellung der damaligen Zeit traten Hexen nie alleine auf. Jede Hexe, so die Logik, musste andere Hexen kennen. Jede und Jeder Geständige wurde deshalb nach weiteren Hexen und Zauberern gefragt. Angesichts der drohenden Folter verbreiteten sich die Bezichtigungen wie in einem Schneeballsystem.


Die Verfolgungswellen fanden hauptsächlich zwischen 1550 und 1650 statt. Ihre Intensität war zeitlich und regional sehr unterschiedlich. Häufig hingen sie mit Wetterereignissen zusammen, die die Ernten vernichteten und Hunger und Elend in die Regionen brachten. Man suchte Sündenböcke und fand sie in den angeblichen Hexen und Zauberen. In Bamberg wurde für die Hexenprozesse ein eigenes seperates Gefängnis mit 30 Zellen eingerichtet.

Der Jesuit Friedrich von Spee war der erste wirkmächtige Kritiker der Hexenverfolgung. Rund 80 Jahre nach Beginn der Hexenprozesse veröffentlichte er 1631 zuerst anonym die „Cautio Criminalis“. Eine Denkschrift, die sich gegen die Verfolgung richtete und die Wahrheitsfindung durch Folter anzweifelte. Er ist in der Jesuitenkirche in Trier begraben.


Mit Gisela Muschiol, Professorin für Kirchengeschichte an der Uni Bonn, spreche ich über den Wahn, den man damals für völlig logisch hielt und die Frage, warum es 80 Jahre dauerte, bis kritische Gedanken gegen die Hexenprozesse Gehör fanden.


