Mit Klaus Unterburger: „Gegenreformation“ klingt danach, als wollte jemand die Uhr zurückdrehen. Neudeutsch würde man „Backlash“ dazu sagen. Nachdem sich die Reformation in Deutschland in der Mitte des 16. Jahrhunderts behauptet hatte, versuchten die katholischen Kräfte europaweit durch Politik, Kunst, Theologie und Gewalt die Entwicklung umzudrehen. Der Barock sollte die Sinne überwältigen, die Jesuiten appellierten an die Vernunft der Gläubigen und der spanische König setzte auf sein Militär.
Martin Luthers Ideen hatten die Machtverhältnisse in Europa nachhaltig erschüttert. Mit der anglikanischen Kirche nabelte sich der englische König Heinrich VIII. vom Papst ab und machte sich selbst zum Oberhaupt der Kirche Englands. In den Niederlanden, die eigentlich zum katholischen Spanien gehörten, gewannen die Calvinisten die Oberhand.
Auch in Frankreich wuchs der Anteil der Calvinisten in der Bevölkerung stetig. Allerdings wurden sie durch den französischen König in mehreren Glaubenskriegen gnadenlos verfolgt. Der Tiefpunkt war die Bartholomäusnacht: Am 23.August 1572 wurden in Paris 3000 französische Protestanten ermordet.
Und in Spanien regierte der erzkonservative Sohn von Karl V.: Philipp II. Er wollte alles besser machen als sein Vater und gab den Protestanten nicht eine Hand breit nach. Er griff vor allem in seinen Niederlanden durch. Der Krieg zwischen den reformatorischen Niederlanden und dem katholischen Herrscherhaus in Spanien sollte 80 Jahre dauern.
Dagegen waren die Verhältnisse in Deutschland in dieser Zeit fast friedlich. Die protestantischen Landesfürsten hatten mit den katholischen Herrschern den Augsburger Religionsfrieden geschlossen. 1555 war das. Danach konnte jeder Landesherr selbst entscheiden, welcher Glaube in seinem Territorium praktiziert werden soll. Aber auch in Deutschland hielt der Friede nicht ewig. Was führt in den 63 Jahren vom Kompromiss zum Krieg?
Ein prominenter Streitpunkt war die Heirat des Kölner Erzbischofes.
1577 verliebte sich Gebhardt von Waldburg-Trauchburg unsterblich in eine Calvinistin, die Stiftsdame Agnes von Mansfeld Eisleben.


Das allein wäre nicht weiter schlimm gewesen, allerdings handelte es sich bei dem verliebten Bräutigam um den Erzbischof von Köln. Der Erzbischof trat nicht nur zum Calvinismus über und heiratete seine Angebetete, er erwartete auch, dass nun das gesamte Erzbistum Köln calvinistisch werden sollte. Denn so stand es im Augsburger Religionsfrieden: Der Landesherr bestimmt den Glauben in seinem Territorium.
Tatsächlich hätte das auch ein politisches Erdbeben nach sich ziehen können, denn der Kölner Erzbischof war ja auch Kurfürst, also einer von sieben Königswählern im römisch-deutschen Reich. Mit seiner Konversion hätte es bei der nächsten Königswahl eine Stimmenmehrheit für einen Protestanten geben können.
Der in Liebe entbrannte Erzbischof hatte allerdings eine Vorschrift des Augsburger Religionsfriedens missachtet. Denn geistliche Fürsten mussten bei einem Konfessionswechsel ihr Amt automatisch abgeben. Eine katholische Allianz aus den Habsburgern und Bayern war entschlossen, ein calvinistisches Köln zu verhindern. Auch militärisch. Der „Kölner Krieg“ dauerte fünf Jahre und endete mit dem Sieg der katholischen Seite. Das Bild zeigt die Zerstörung der Godesburg bei Bonn:

Danach stellte das Haus Wittelsbach aus Bayern für 200 Jahre die Kölner Erzbischöfe.
In dieser Zeit, der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, machte die Neugründung eines katholischen Ordens Furore. Die Jesuiten wurden 1540 vom Papst als kirchliche Gemeinschaft anerkannt. Das Besondere: die Jesuiten ähnelten in ihrer Lehre den Grundannahmen von Martin Luther. Auch sie strebten nach einer Kirchenreform und setzen auf das persönliche Christuserlebnis durch innere Versenkung. Deshalb tragen sie keine Ordenstracht und leben auch nicht in Klöstern. Aber trotz dieser Parallelen zu den Grundsätzen Martin Luthers entwickelten sie sich zu der intellektuellen Speerspitze der Gegenreformation. Ignatus von Loyola stammte aus dem Baskenland und war Mitbegründer der Gesellschaft Jesu.

Von protestantischer Seite wurden sie bald als eine Art Geheimdienst des Papstes denunziert. Sie sollen in Zivil gegen das Verbot der Landesherren in protestantische Gebiete eingereist sein und sich vor Ort, sozusagen under cover – für die Erneuerung des katholischen Glaubens eingesetzt haben.
Die Bildung und Erziehung der jungen Menschen betrachteten die Jesuiten als eine ihrer Hauptaufgaben. Sie betrieben berühmte Schulen, in denen sie nicht nur Theologie lehrten sondern auch Logik, Mathematik, Philosophie und Astronomie. Eine besondere Rolle spielte zum Beispiel das Jesuitenkolleg in Ingolstadt. Die Schüler kamen aus der katholischen Elite des Reiches.

Die Jesuiten sorgten mit der Marienverehrung – also der Verehrung der Mutter Gottes – für ein einfach zu überprüfendes Unterscheidungsmerkmal zwischen Protestanten und Katholiken.Die berühmten Orte der Marienverehrung kann man heute noch sehen, z.B. Altötting in Bayern.

1607 entwickelte sich aus einer kleinen Auseinandersetzung in der Stadt Donauwörth eine Staatskrise. Eine handvoll Benediktiner veranstaltete am Markustag eine katholische Prozession mit Kreuzen und Fahnen in der protestantischen Stadt. Die Stadtherren verboten die Prozession und insbesondere das Fahnenschwingen. Daraufhin stellte der Kaiser Donauwörth unter die Reichsacht und beauftragte den Herzog von Bayern, die Reichsstadt militärisch einzunehmen. Mit 15.000 Mann besetzte der Herzog die 4000-Einwohner-Stadt. Die Protestanten waren reichsweit empört und gründeten ein Verteidigungsbüdnis: die Protestantische Union. Sie wollten zukünftig gegen derartige Vorfälle gewappnet sein. Im Gegenzug gründete die katholische Seit die Katholische Liga. Damit waren die Militärbündnisse geschaffen, die elf Jahre später im 30jährigen Krieg zum Einsatz kamen. An das Kreuz und Fahnengefecht wird noch heute in Donauwörth erinnert.

Mit dem Professor für Kirchengeschichte, Klaus Unterburger, bespreche ich in dieser Episode warum die Glaubensgegensätze am Vorabend des 30jährigen Krieges immer weiter eskalierten.


