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#66 Die Türken vor Wien – Wer war der Türkenlouis?

Das Entsatzheer fällt den Belagerern von oben in den Rücken

Mit Dr. Schoole Mostafawy: Am 14. Juli 1683 floh der Kaiser entsetzt aus seiner Wiener Hofburg. Sein schlimmster Albtraum wurde Realität: Die Osmanen standen vor Wien. An diesem Morgen tauchte eine Armee von 120.000 Mann vor den Toren der Stadt auf. Zuvor hatte Sultan Mehmed IV. dem Kaiser schriftlich befohlen, die osmanischen Truppen in seiner Deiner Residenzstadt zu erwarten: “damit wir Dich köpfen können“.  Der Kaiser weinte mit den Wienern, erlaubte den Ratsherren noch, seine Hand zu küssen und floh dann Hals über Kopf.

Seit der Eroberung von Konstantinopel im Jahr 1453 griffen die Osmanen in vielen Kriegszügen immer wieder nach Europa aus. In diesen rund 200 Jahren zwischen der Eroberung von Konstantinopel und der Belagerung von Wien waren große Gebiete auf dem Balkan und in Ungarn unter osmanischer Kontrolle.

© Ottoman_empire.svg: André Koehnederivative work: Furfur, CC BY-SA 2.5 , via Wikimedia Commons

Die vielen militärischen Auseinandersetzungen der unterschiedlichen Kaiser des Heiligen Römischen Reiches mit den Osmanen wechselten sich mit jahrzehntelangen Friedenszeiten ab. Nach einer großen osmanischen Niederlage hatten beide Parteien mal wieder einen zwanzigjährigen Frieden vereinbart. Der lief nun 1682 aus. „Wien“ galt unter den Osmanen als der „goldene Apfel“, den sie nur „pflücken“ mussten.

© Unidentified painter, Public domain, via Wikimedia Commons

Großwesir Kara Mustafa, der oberste Feldherr der Osmanen, überschritt seine Kompetenzen, als er sich eigenmächtig entschloss, den „Goldenen Apfel“ endlich zu ernten. Am 14. Juli 1683  stand er mit 120.000 Kämpfern vor den Toren der Stadt. Er hatte nicht auf einen Marschbefehl seines Sultans (unten rechts) gewartet. Kaiser Leopold I. (unten links) war angesichts der Bedrohung aus der Stadt geflohen, um die Gegenwehr zu organisieren.

Kaiser Leopold I.
© Benjamin Block, Public domain, via Wikimedia Commons
© Jacob Peeters, Public domain, via Wikimedia Commons

Die Belagerung der Stadt dauerte zwei Monate. Das überlegene osmanische Heer hungerte die Wiener nicht nur aus. Sie griffen immer wieder an. Die Stadtbefestigung bildete das einzige Hindernis. Die Wiener schossen zurück, löschten Brände, stapelten ihre Toten und hungerten. Wochenlang  dauerte dieser Kampf um Leben und Tod. Aber die Mauer hielt stand. Hier das Bild eines Zeitzeugens, der vom Stephansdom auf die Angriffe der Osmanen blickte.

Blick auf den Angriff der Osmanen vom Stephansdom
© Verlag von Nic. Visscher in Amsterdam, Public domain, via Wikimedia Commons

Um weiterzukommen, verlegten die Osmanen den Krieg unter die Erde. Das Belagerungsheer unterminierte die Wiener Befestigungsanlagen, das heißt, sie gruben lange Schächte zu den Fundamenten der Stadtmauer. Mit Schwarzpulver sprengten sie Löcher in die Palisaden, Schanzen und Bastionen, um sich den Weg in die Stadt freizukämpfen. Das obere Bild zeigt eine solche Mine bei einer anderen osmanischen Belagerung. Das untere Bild stellt einen Kampf unter der Stadtmauer dar. Wiener Verteidigungstruppen dringen in eine Mine ein und feuern auf die Belagerer.

© Johann Bernhard Scheither, military engineer from Brunswick and veteran of the siege of Candia, died after 1677, Public domain, via Wikimedia Commons
© Jacobus Peeters, Public domain, via Wikimedia Commons

Doch nach zwei Monaten am 11.September 1683 war es so weit: Das Entsatzheer erreichte den Kriegsschauplatz. Vor allem die Nachbarn, die durch den Feldzug der Osmanen selbst unmittelbar bedroht waren, engagierten sich.Der polnischen König Jan III. Sobieski und die Kurfürsten von Sachsen und Bayern ritten persönlich in die Schlacht. Mit ihren rund 80.000 Soldaten waren sie den Osmanen zwar noch immer zahlenmäßig unterlegen, aber sie hatten Glück: Dem Feldherr der Osmanen, Großwesir Kara Mustafa, war ein strategischer Fehler unterlaufen: Er hatte die Höhenzüge um Wien nicht besetzt und deshalb konnten die kaiserlichen Verbündeten den Osmanen von oben in den Rücken fallen.

In nur einem Tag schlugen die polnischen, sächsischen, bayerischen und kaiserlichen Truppen die Osmanen in die Flucht. Der Großwesir wurde vom Sultan für seinen Leichtsinn und die verlorene Schlacht schwer bestraft. Drei Monate später wurde er in Belgrad mit einer grünen Seidenschnur erwürgt.

Das Entsatzheer fällt den Belagerern von oben in den Rücken
© Frans Geffels, Public domain, via Wikimedia Commons

Bei der Plünderung des eroberten osmanischen Feldlagers staunten die Europäer nicht schlecht. Das Beeindruckendste waren die Zeltpaläste, in denen die hochrangigen osmanischen Feldherren residierten. Fein geknüpfte prachtvolle Teppichbahnen bildeten das Dach, die Wände und den Boden. Wie bei Segelschiffen spannten mehrere Masten ein kostbares Himmelszelt über den Bewohnern auf. Im Residenzschloss in Dresden kann man in der „türkischen Kammer“ ein Dreimastzelt aus dieser Zeit bewundern.

© Fotofreund123, CC BY 3.0 , via Wikimedia Commons

Der Kaiser hatte den Sieg über die Osmanen organisiert und Europa beeindruckt. Das Stimmungshoch nutzte er sofort und initiierte eine Gegenoffensive mit viel mehr Unterstützern als bisher: Bayern, Brandenburg, Sachsen und Hannover. Der „Große Türkenkrieg“ endete 16 Jahre später mit der vollständigen Rückeroberung Ungarns und zementierte die Habsburger Großmachtstellung in Europa für lange Zeit. Und in diesen Kriegen erwies sich ein Feldherr auf der kaiserlichen Seite als nahezu genial und unbesiegbar: Ludwig Wilhelm der Markgraf von Baden-Baden. Oder wie ihn die Zeitgenossen nannten: Der „Türkenlouis“. Er war militärisch so begabt, dass er schließlich zum Reichsgeneralfeldmarschall ernannt wurde. Hier im osmanischen Gewand.

© Unidentified painter, Public domain, via Wikimedia Commons

Wegen seiner Erfolge in den Kriegen gegen die Osmanen bekam der Markgraf den Spitznamen: „Türkenlouis“. Und es sammelte sich in der Markgrafschaft Baden über die Jahre Kriegsbeute an, der man den Namen „Türkenbeute“ gab. Manche dieser Kulturgüter sind noch heute im Badischen Landesmuseum zu sehen.

Türkenkriege waren für die europäischen Mächte erst 1791 endgültig vorbei. Das heißt, die Phase von Besetzung, Krieg und Frieden mit osmanischen Herrschern in Europa dauerte über 300 Jahre.

In dieser Podcastepisode spreche ich mit Dr. Schoole Mostafawy über die Frage, wie sich die Kulturen in dieser Zeit gegenseitig beeinflusst haben.

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