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#78 Alfred Krupp, Werner von Siemens und die Gründerzeit

Mit Konstantin Richter: Alfred Krupp, Werner Siemens, die AEG und die Deutsche Bank: Sie alle wurden im19. Jahrhundert groß. Wie die deutsche Industrie erfunden wurde, und warum die Reichsgründung von 1871 so einen Boom auslöste, ist das Thema dieser Episode. Das Deutsche Kaiserreich vollendete den Binnenmarkt: Vereinheitlichungen, bei den Währungen, den Maßen und Gewichten, bei der Post, im Rechtssystem und der Wegfall aller Binnenzölle lösten einen Wirtschaftsaufschwung aus. Dazu kam noch eine Sonderentwicklung. Nach dem Sieg über Frankreich hatte das deutsche Reich die Franzosen zu Reparationszahlungen in Höhe von 5 Milliarden Francs verpflichtet. Das waren ca. 1500 Tonnen Gold. Und das Geld floss. Die Kombination aus dem neuen Binnenmarkt, technischem Erfindergeist und französischen Reparationszahlungen löste eine Welle von Unternehmensgründungen aus, die der Epoche ihren Namen gab. Die „Gründerzeit“ steht nicht nur für den wirtschaftlichen Aufstieg Deutschlands, auch den Baustil der Städte hat sie geprägt. Die Mietskasernen in Berlin mit ihren vielen Hinterhöfen erinnern daran genauso, wie die schlossähnlichen Gründerzeitvillen der Industriellen in den edlen Wohngegenden.

© Von Thorsten Schramm www.thorsten-schramm.de – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3607927

1870, kurz vor der Reichsgründung, begann Alfred Krupp mit dem Bau der Villa Hügel in Essen. Für seine private Residenz plante er 11.000 qm Wohn- und Nutzfläche mit 399 Zimmern in einem Park von 40 Hektar.  Die Villa Hügel wurde weitaus größer als die Schlösser so mancher Fürsten im deutschen Reich. Und trotzdem wollte Alfred Krupp kein Aristokrat sein. Deshalb stemmte er sich auch gegen die Hochzeit seines Sohnes mit Magarethe von Ende.

Die Industrialisierung begann nicht erst 1870. Die größten Unternehmen der damaligen Zeit waren schon Jahrzehnte vorher gegründet worden: Alfred Krupp war 14 Jahre alt, als sein Vater starb und der junge Alfred 1826 die kleine Stahlgiesserei in Essen mit wenig Mitarbeitern erbte. Das Foto zeigt sein Geburtshaus:

© Von Autor/-in unbekannt – Historische Ausstellung Krupp auf Villa Hügel, Essen, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7314659

Sein Glück war der Ausbau der Eisenbahnen. Dafür wurde ab den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts viel Stahl und viel Knowhow gebraucht. Alfred Krupp konnte liefern und machte aus dem Familienbetrieb das erste und erfolgreichste Industrieunternehmen Deutschlands. Hier seine Essener Gußstahlfabirk von 1880 aus der Vorgelperspektive:

© Von Michaelis, Kate Woodbridge;Michaelis, Otho E., joint author;Monthaye, E – https://www.flickr.com/photos/internetarchivebookimages/14776202084/Source book page: https://archive.org/stream/alfredkruppsketc1888mich/alfredkruppsketc1888mich#page/n65/mode/1up, No restrictions, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=43386734

Alfred Krupp hat sich früh um seine Mitarbeiter gekümmert. Schon 1836 führte er in seinem Unternehmen eine freiwillige Krankenversicherung ein und baute sie Jahre später zu einer verpflichtenden Versicherung aus. An den Kosten beteiligte er sich mit 50%. Auch damit war er ein Pionier unter den neuen Unternehmern. Solche Absicherungen kannte man bisher nur aus dem Bergbau oder den Handwerkszünften. Jetzt gab es eine Krankenversicherung im Industrie-Start-up. 

© Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=202201

Noch eine soziale Neuerung: Alfred Krupp ließ Werkswohnungen für seine Mitarbeiter bauen. In Essen kann man noch heute nicht nur sehen, sondern sehr schön in diesen Kruppsiedlungen wohnen.

© Von Photograph – www.siemens.com, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=20905436

Werner Siemens hatte eigentlich die Offizierslaufbahn in der preußischen Armee eingeschlagen, und beschäftigte sich mit der neuen Technik der Telegrafie. Die war damals noch kompliziert und störanfällig. Siemens kam die entscheidende Verbesserungsidee und er machte er sich 1847 damit selbstständig.

© Von Bin im Garten – Selbst fotografiert, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=14608158

20 Jahre später baute Siemens die erste Telegrafenverbindung von Europa nach Indien, und weitere 10 Jahre später verlegte Siemens sein Unterseekabel von Irland nach Nordamerika. Seine internationalen Aktivitäten koordinierte er wie einen Familienbetrieb. Vier seiner Brüder setzte er auf herausragende Positionen unter anderem in London und Russland.

Aber: Die meisten Neugründungen aus der Gründerzeit kennen wir heute nicht mehr. Denn die Spekulationsblase platzte schon nach drei Jahren. 1873 kam es zum sogenannten „Gründerkrach“. Das hört sich erstmal harmlos an, das war aber die schlimmste Börsen- und Wirtschaftskrise, die man bis dahin erlebt hatte.

© Von unknown; uploaded by User:el_bes – Die Presse Edition: Das Imperiale Zeitalter 1871-1914, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9026828

So ein Börsenkrach war etwas völlig Neues. Er riss viele Menschen in den Ruin. Schnell wurden Sündenböcke gesucht und gefunden: Die Juden. Das Platzen der Spekulationsblase 1873 war eine mächtige Antriebsfeder des „modernen“ Antisemitismus .

Mein Gesprächspartner Konstantin Richter hat mit seinem Buch „300 Männer – Aufstieg und Fall der Deutschland AG“ den Sachbuchpreis 2026 gewonnen. Darin erzählt er die Geschichte der großen deutschen Unternehmen von den Anfängen der Industrialisierung bis heute.

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