Wir sind in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts angekommen. Nach der Französischen Revolution und nach dem Sieg über Napoleon waren sich die deutschen Fürsten einig: So eine Revolution durfte sich in ihren Staaten nicht wiederholen. Deshalb wurden liberale Ideen und Denker konsequent unterdrückt. Karl Marx war einer von Ihnen. Mit 24 Jahren wurde er Chefredakteur der Rheinischen Zeitung in Köln, die von liberal gesinnten Kölner Kaufleuten finanziert wurde. Denen fiel Karl Marx als Schreibtalent mit messerscharfem Verstand auf. Das Rheinland war nach dem Sieg über Napoleon Preußen zugeschlagen worden. Marx machte seinen Kölner Verlegern besondere Freude mit seinen Attacken gegen die Preußische Zensur und Kontrolle. Allerdings nicht lange, denn ein Jahr nach seiner Beförderung zum Chefredakteur wurde das Blatt verboten. Karl Marx ging daraufhin nach Paris. Dort arbeitete er als Journalist für deutsche Publikationen und lernte den „Bund der Gerechten“ kennen. Der „Bund der Gerechten“ war ein frühsozialistischer Zusammenschluss von im Exil lebenden deutschen Arbeitern und Handwerkern.
In Paris befreundete sich Karl Marx mit Friedrich Engels. Engels war der Sohn eines Fabrikanten aus Wuppertal. Der Vater betrieb unter anderem in Manchester eine Baumwollspinnerei und hatte Friedrich dort hingeschickt, damit er Erfahrungen sammele. Was des Fabrikantensohn in Manchester jedoch am meisten bewegte, war die miserable Lage der Arbeiter. Schockiert berichtete er dem Journalisten Marx über die Ausbeutung der Fabrikarbeiter und ihrer Familien.

Inzwischen war Marx für Preußen ein Dorn im Auge. Die preußische Obrigkeit schickte Alexander von Humboldt nach Paris, um auf die französischen Behörden Druck auszuüben. Und Humboldt hatte Erfolg. Die Franzosen wiesen Karl Marx aus und der ging zusammen mit Friedrich Engels nach Brüssel. Aber durch den Umzug brach der Kontakt zwischen Marx und dem „Bund der Gerechten“ nicht ab, sondern intensivierte sich noch, obwohl Marx deren Politik eigentlich utopisch fand. Er erkannte den Wert dieses Netzwerkes für die aufstrebende Arbeiterbewegung und schrieb mit dem „Kommunistischen Manifest“ ihr Grundsatzprogramm.

Während der deutschen Revolution 1848 hatte Marx wieder ein kurzes Zwischenspiel als Journalist und Agitator für die Arbeiterbewegung in Köln. Doch das dauerte nicht lange – genau wie die deutsche Revolution: 1849 wurde Marx von der preußischen Verwaltung ausgewiesen. Mit 31 Jahren flüchtete er nach London ins Exil, wo er lebenslang blieb. Immer begleitet von seiner Frau Jenny von Westphalen.

Die beiden kannten sich von Kindesbeinen an. Jenny kam aus wohlhabendem adeligem Haus und heiratete den Kopf der Kommunisten Europas. In der Öffentlichkeit trat sie kaum in Erscheinung, war aber für die Arbeit und das Wirken von Karl Marx entscheidend wichtig. Jeden Sonntagnachmittag veranstaltete das Ehepaar Marx einen politischen Salon in ihrem Londoner Wohnzimmer. Bei Tee und Kuchen vernetzten sie durchreisende Sozialisten, Exilanten und Journalisten.
Der erste politische Kopf der Arbeiterbewegung in Deutschland war ein im Luxus lebender Bourgeois: Ferdinand Lassalle gründete in Leipzig 1863 den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein. Der Beginn der organisiserten Sozialdemokratie in Deutschland.

Wilhelm Liebknecht war jünger als Karl Marx, hatte aber ein ähnliches Schicksal. Auch er war Journalist in Deutschland und floh 1850 ins Exil nach London. Dort entwickelte er eine jahrelange Freundschaft zu Karl Marx, der so etwas, wie sein politischer Mentor wurde. Nach 12 Jahren kehrte Liebknecht (unten links) nach Deutschland zurück und traf in Leipzig in einem Arbeiterbildungsverein auf August Bebel (rechts).


Bebel und Liebknecht wurden 1867 in den Reichstag des Norddeutschen Bundes gewählt und gründeten 1869 die Sozialdemokratische Arbeiterpartei. Während des Krieges gegen Frankreich 1870/1871 verweigerten sie als einzige Abgeordnete den Kriegskrediten ihre Stimme. Diese Weigerung war, zusammen mit ihren parteipoloitischen Aktivitäten, der Anlass für eine zweijährige Festungshaft wegen Hochverrates in Schloss Hubertusburg.

Die gemeinsame Haftzeit schweißte die Arbeiterführer erst recht zusammen. 1875 schlossen sie ihre Partei mit der Bewegung von Ferdinand Lassale zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands zusammen. Trotz der heftigen Kritik von Karl Marx aus London gegen diesen Zusammenschluss wurde die Vereinigung der Parteien zur Geburtsstunde der SPD.
Bismarcks Sozialistengesetze verboten alle Organisationen der Sozialdemokraten 12 Jahre lang.Von 1878 bis 1890. Aber am Zulauf für die Sozialdemokratie änderte das nichts. Bebel und Liebknecht saßen auch während der gesamten Zeit der Sozialistengesetze im Reichstag. Seit ihrer Wiederzulassung 1890 heißt die SPD Sozialdemokratische Partei Deutschlands. Das Programm war damals radikal kommunistisch, die Forderungen aber eher pragmatisch progressiv: 8-Stundentag, Arbeitsschutz und Frauenwahlrecht.
Nach dem ersten Weltkrieg kam es zum Riss in der Arbeiterbewegung. In den chaotischen Wochen nach dem verlorenen Krieg und der Abdankung des Kaisers erschütterten Aufstände und Barrikadenkämpfe die deutschen Großstädte. Der SPD Vorsitzende Friedrich Ebert paktierte im Geheimen mit der Obersten Heeresleitung. Man sicherte sich gegenseitige Loyalität zu, wenn es gelingen würde „Ruhe und Frieden“ zu bewahren. Im Januar 1919 kämpften Freikorps von ehemaligen Frontsoldaten gegen kommunistische Straßenkämpfer des Spartakusbundes. Die kommunistischen Anführer Karl Liebknecht, der Sohn des SPD Gründers Wilhelm Liebknecht, und Rosa Luxemburg wurden verschleppt und ermordet.
In dieser Episode spreche ich mit Stefan Berger dem Direktor des Institutes für soziale Bewegungen über die Fragen: Wie wurde aus dem ursprünglich liberal-demokratischen Journalisten Marx, der Kopf des Kommunismus? Wie schafften es die Sozialdemokraten trotz Verbot und Unterdrückung die stärkste Fraktion im Reichstag zu werden? Und wie war das Verhältnis von Karl Marx zur SPD?


