Mit Christoph Nonn: Nach der Reichsgründung regierte Otto von Bismarck 19 Jahre lang als Reichskanzler. In der Innenpolitik hatte er zwei Hauptfeinde: Sozialisten und die Katholiken. Nachdem das Erste Vatikanische Konzil 1870 beschlossen hatte, dass der Papst in bestimmten Religionsfragen unfehlbar sei, begann Bismarck mit seinem „Kulturkampf“ gegen die Katholiken.

Er verbot politische Predigten, löste den Jesuitenorden in Deutschland auf und drohte mit dem Entzug aller finanziellen Mittel, falls die Gesetze nicht eingehalten würden. Als sein Sohn sich anschickte, eine katholische Frau zu heiraten, drohte der Reichskanzler mit Selbstmord. Die Karikatur aus der zeitgenössischen Satirezeitschrift „Kladderadatsch“ zeigt Bismarck und den Papst, die sich gegenseitig auffordern, ihre Füße zu küssen:

Anders als bei den Katholiken, fuhr er im Kampf gegen die Sozialisten eine Doppelstrategie. Um den sozialistischen Politikern das Wasser abzugraben, setzte er einen großen Teil ihrer Forderungen um: Er führte eine verpflichtende Krankenversicherung, eine Unfallversicherung und eine Invaliden- und Altersversicherung für Arbeiter ein. Die Arbeitgeber hatten sich zur Hälfte an den Kosten zu beteiligen und die Arbeiter konnten Ihre neuen Rechte vor Gericht einklagen. Damit war das Deutsche Reich ein Vorreiter der Sozialpolitik in Europa. Im Gegenzug wurde alle sozialdemokratischen, sozialistischen und kommunistischen Organisationen verboten.

Außenpolitisch war die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts die Zeit des Imperialismus. Die europäischen Großmächte teilten zusammen mit den USA und Japan die Welt praktisch untereinander auf. Es ging um Kolonien und territorialen Zuwachs. Nur einer machte da nicht mit: Otto von Bismarck. Er erklärte das Deutsche Reich für „saturiert“. Er nannte alle kolonialen Ideen „Schwindel“: „Solange ich Reichskanzler bin, betreiben wir keine Kolonialpolitik“. Und trotzdem wurden die größten deutschen Kolonialgebiete in seiner Regierungszeit „unter Schutz gestellt“. Die Landerwerbungen des Bremer Kaufmanns Lüderitz im heutigen Namibia wurden die ersten „Schutzgebiete“ des Deutschen Reichs.


Nach dem Tod von Wilhelm I. regierte sein Sohn Friedrich III. nur 99 Tage lang bevor er an Kehlkopfkrebs starb. Sein Sohn Wilhelm II. war 29 Jahre alt, als er die Regierung übernahm. Nach anderhalb Jahren hatte sich der junge Kaiser mit dem altgedienten Reichskanzler Bismarck überworfen und zwang ihn 1890 zum Rücktritt. Eine berühmte englische Karikatur analysierte: „Der Lotse geht von Bord“


Wie eigenständig hat Bismarck regiert? Warum hasste er die Katholiken so sehr? Warum verbot er die Sozialisten und setzte anschließend Ihre Forderungen um? Und wieso begründete er die deutsche Kolonialpolitik, obwohl er sie für „Schwindel“ hielt? Darüber und über sein Verhältnis zum Kaiser spreche ich mit Christoph Nonn, Prof. für Neueste Geschichte an der Uni Düsseldorf.


