Mit Gregor Rohmann: Was bleibt von Klaus Störtebeker und der Seeräuberromantik des Mittelalters, wenn man zeitgenössische Quellen erforscht?

Die Vitalienbrüder waren Gewaltunternehmer zur See und keine sozialromantischen Freibeuter sagt Gregor Rohmann, Professor für die regionale Kulturgeschichte Mecklenburgs in Rostock. Jede Konfliktpartei auf der Ostsee konnte sie engagieren. Die dänische Königin genauso, wie die Mecklenburger Herzöge oder die Hanse. Die Vitalienbrüder wechselten oft die Seiten. In einer Zeit ohne wirksames Gewaltmonopol waren sie legitime Unterstützer zur Durchsetzung des privaten Rechts. So jedenfalls sah der jeweilige Auftraggeber seine Mitkombattanten. Die Gegner diffamierten die Vitalienbrüder meistens als „Piraten“.

Im Lübecker Burgkloster schrieb der Mönch Hermann Korner 1430 an der Chronik Lübecks und begann von Klaus Störtebeker zu erzählen. Der Beginn der Legende. Seitdem wird die Geschichte der Vitalienbrüder mit ihrem charismatischen Anführer immer wieder neu ausgeschmückt.
Doch als 30 Vitalienbrüder im Jahr 1410 auf dem Grasbrook in Hamburg hingerichtet wurden, schrieb keiner ihre Namen auf. Und noch Jahre später erscheint ein „Johannes Störtebeker“ in den zeitgenössischen Urkunden an der Nord- und Ostseeküste. Anfangs als Vitalienbruder in der Grafschaft Holland und schließlich als eingebürgerter Einwohner Rostocks.
Von ihm kann der Schädel also nicht stammen, den die Hamburger zur Abschreckung an ihre Hafeneinfahrt nagelten.

Hieß Klaus Störtebeker in Wirklichkeit:“Johannes“? Und war er nicht der zentrale Kopf der Vitalienbrüder, sondern ein Hauptmann von vielen? Hat die Phantasie der Geschichts- und Geschichtenschreiber die Figur Klaus Störtebeker erst über die Jahrhunderte erschaffen?
Einen Teil seiner tatsächlichen Auftraggeber kann man noch in Bad Doberan besuchen. Im Münster sind die 13 Mecklenburgischen Herzöge beigesetzt, darunter Albrecht III., Herzog von Mecklenburg und König von Schweden.



Bis heute läßt sich der Vitalienbruder für sehr viele unterschiedliche Strömungen instrumentalisieren. Linksradikale feiern ihn als Vorzeige-outlaw, genauso wie Rechtsradikale ihn als den „Übermensch“ verehren. Aber auch als Werbeträger funktioniert er bis heute, wie man an dem aktuellen Hamburger Plakat sieht:

Über die Fahndung nach Klaus Störtebeker und was wir heute gesichert über die Vitalienbrüder wissen, darüber spreche ich mit dem Historiker Gregor Rohmann in dieser Episode.


