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#72 Die Deutschen und die Französische Revolution

Mit Daniel Schönpflug: Am 14. Juli 1789 brach mit dem Sturm auf die Bastille in Paris die Französische Revolution aus. Die Wirkung war durchschlagend. Der König lenkte ein und zog seine Truppen ab. Das Volk hatte die Macht in Paris.

Im  August 1789 schaffte die Nationalversammlung die Vorrechte des Adels ab. Das Ende des Feudalismus in Frankreich. Das Parlament garantierte jedem Franzosen Menschen- und Bürgerrechte: Gleichheit vor dem Gesetz, Eigentums-, Religions-, Meinungs- und Pressefreiheit.

Trotz aller Revolution gingen die Revolutionäre zu diesem Zeitpunkt noch von einer konstitutionellen Monarchie in Frankreich aus. Mit dem König als Regierungschef, kontrolliert durch das Parlament. Der französische König schien bereit, sich mit der Herrschaft des Volkes zu arrangieren.

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1790 brach das „Glücksjahr“ der französischen Revolution an, mit satten Ernten und günstigem Brot. In ganz Europa feierten Intellektuelle den Triumph der Aufklärung. In Hamburg lud Kaufmann Georg Heinrich Sieveking am ersten Jahrestag des Sturms auf die Bastille zum „Freiheitsfest“ nach Harvestehude ein. Das lag damals noch vor den Toren Hamburgs. Für sein „Freiheitsfest“ bat Sieveking den Dichter Friedrich Klopstock um Oden auf die Revolution.

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Am 21. Juni 1791 rumpelte kurz nach Mitternacht eine Mietkutsche vom Hof des Tuilerien Palast in Paris. König Ludwig XVI. und seine Frau Marie Antoinette waren auf der Flucht vor der Revolution. Doch kurz vor der belgischen Grenze wurde sie gefasst und nach Paris zurückeskortiert. In den Augen der Revolutionäre hatte der König sie verraten.

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Die französische Königin, Marie Antoinette, stammte aus Österreich. Maria Theresia hatte ihre Tochter schon im Kleinkindalter dem französischen Thronfolger versprochen, um die damals neue Bündnis zwischen Habsburg und Frankreich zu bekräftigen.

Marie Antoinette wird oft als eine der unbeliebtesten Frauen Frankreichs beschrieben. Extravagant und verschwendungssüchtig soll sie gewesen sein.

 Vor der Revolution hatte sich Maria Antoinette im Schlossgarten ein bäuerliches Dorf nachbauen lassen. Mitten in der Hungerkrise. Diese Extravaganz verzieh ihr weder der Adel noch die hungernde Landbevölkerung.

Zwei Monate nach dem Fluchtversuch traf sich der Bruder des festgehaltenen französischen Königs mit Friedrich Wilhelm II. von Preußen und dem Kaiser aus Österreich. Mit der Erklärung von Pillnitz drückten die Monarchen ihre Solidarität mit Louis XVI. aus und versprachen ihre Hilfe. 

Friedrich Wilhelm II. regierte das preußische Königreich damals ganz anders als sein Onkel Friedrich der Große. Friedrich Wilhelm II. hing nicht den Ideen der Aufklärung an. Er beendete er die Toleranzpolitik seines Onkels in Preußen. Er erließ strenge Religions- und Zensuredikte.

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Während sich die europäischen Monarchen verständigten, diskutierte die französischen Nationalversammlung die Aufstellung einer neuen revolutionären Armee, um die Revolution zu sichern. Im April 1792 war es so weit: Frankreich erklärte Österreich den Krieg.

Die Marseillaise wurde als Motivationslied für die Soldaten komponiert, die nun die Revolution verteidigen sollten. „Auf, auf Kinder des Vaterlands! Der Tag des Ruhmes ist da…“. Der Liedtext warnt vor den „verschwörerischen Königen“ und ruft die Franzosen dazu auf, die Schlachtreihen gegen die „Horde von Sklaven“ und „Verrätern“ zu schließen. Einheiten aus Marseille schmetterten das Lied als Erste, daher der Name „Marseillaise“. Mit den „verschwörerischen Königen“ meint die französische Nationalhymne als die Monarchen von Österreich und Preußen.

Die Allianz der alten Mächte war Frankreich militärisch weit überlegen und absolut siegessicher. Um gar nicht erst kämpfen zu müssen, riefen sie im Juli 1792 gemeinsam die Franzosen auf, sich wieder ihrem König zu unterwerfen, anderenfalls drohe die Zerstörung von Paris. Auf den Schlachtfeldern unterschätzten die preußisch-österreichischen Offiziere die revolutionäre Wut und Opferbereitschaft der französischen Kämpfer. In der Kanonade von Valmy am 20. September 1792 dominierten die Franzosen das erste Mal die Preußische Armee. Die kleine Schlacht hatte eine immense Wirkung auf das Selbstbewusstsein der Revolutionäre. Einen Tag später schaffte der Nationalkonvent in Paris die Monarchie ab und rief die Republik aus.

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Bis zum Ende des Jahres hatten die französischen Truppen nicht nur ihr Land erfolgreich verteidigt, sondern Belgien und linksrheinische Territorien besetzt: die Kurpfalz, Speyer und Worms. Am 21.Oktober marschierte die Revolutionsarmee in Mainz ein.

Die Mainzer Republik existierte nur wenige Monate. Revolutionsbegeisterte Mainzer Bürger feierten die Franzosen kurz nach ihrem Einzug als Befreier von alten absolutistischen Unterdrückungsstrukturen. In Mainz wurde ein Jakobinerclub gegründet, der für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit warb. Viele Orte ließen sich von der Begeisterung anstecken. Feierlich pflanzte man Freiheitsbäume und gründete neue Jakobinerklubs. Der größte von ihnen, der Mainzer, zählte 492 Mitglieder.

© Von Johann Jacob Hoch (1750-1829) – Deutschland und die Französische Revolution 1789/1989. Eine Ausstellung des Goethe-Instituts zum Jubiläum des welthistorischen Ereignisses. Cantz, Stuttgart 1989, ISBN 3-89322-019-4, p. 153, or https://www.mainz.de/kultur-und-wissenschaft/stadtgeschichte/mainzer-republik.php, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2999045

Im Februar ließen die Franzosen in den besetzten linksrheinischen Gebieten ein Parlament wählen. Die neuen deutschen Volksvertreter trafen sich im März 1793 zum Rheinisch-Deutschen Nationalkonvent in Mainz und beschlossen die Angliederung der Mainzer Republik an Frankreich.

© Von Martin Bahmann – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=25341951

Doch die französische Revolutionsarmee konnte ihre Dominanz nicht dauerhaft halten. Bald eroberten preußische Truppen die ganze Region zurück. Der einsetzende militärische Umschwung ließ die Existenzängste in Paris wieder hochschnellen. Der Anführer der Jakobiner, Robespierre, hatte inzwischen für die Hinrichtung des französischen Königs und Marie Antoinettes gesorgt. Eine neue Umdrehung der Eskalationsschraube.

© Von Georg Heinrich Sieveking – http://www.uncp.edu/home/rwb/louis16_execution.jpg, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=446357

Die äußeren Feinde wurden immer zahlreicher, zugleich wurden die Ernten in Frankreich wieder schlechter. Der Hunger breitete sich wieder aus. Das Misstrauen zwischen Stadt und Land wuchs. Der Nationalkonvent wollte Vertrauen zurückgewinnen und gründete einen „Wohlfahrtsausschuss“.  In wenigen Monaten formte Robespierre aus dem Arbeitskreis eine staatliche Terrorzentrale. Revolutionstribunale richteten 40.000 vermeintliche Verräter und angebliche Konterrevolutionäre hin. Viele ehemalige Mitkämpfer wurden im Schnellverfahren abgeurteilt und guillotiniert. Mit den Nachrichten vom Terroregime in Paris verlor die Französische Revolution viele ihrer bisher enthusiatischen intellektuellen Anhänger in ganz Europa.

Die Franzosen, motiviert und teamfähig, dominierten bald wieder das Kriegsgeschehen und eroberten 1794 Belgien und die linksrheinischen Gebiete zurück. Diesmal waren sie stark genug, die an den Rhein verschobene Grenze zu halten. Köln war von dieser Zeit an 20 Jahre französisch besetzt. Das Gemälde (auch im Titelbild) zeigt die Errichtung eines Freiheitsbaumes auf dem Neumarkt im französisch besetzten Köln.

© Von François Rousseau – Scan / Cutout and optimized from illustration by HOWI, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3020679

Lange bevor die Revolution in ein Terrorregime ausartete, hatte sie viele Menschen in Europa inspiriert. Auch der polnische König schöpfte aus ihren Ideen Kraft. Er entmachtete den Adel und 1791 verabschiedete der Sejm, das Abgeordnetenhaus, eine neue Verfassung, die sich an der französischen Verfassung orientierte. Sie garantierte Gewaltenteilung, Religionsfreiheit und Volkssouveränität.

Als der Sejm dann noch beschloss, die polnische Armee auf 100.000 Mann aufzustocken, war die rote Linie überschritten. Die russische Zarin  Katharina die Große ließ sofort ihre Truppen nach Polen einmarschieren. Friedrich Wilhelm II. von Preußen sah der russischen Invasion tatenlos zu. Gerade deshalb profitierte er. Für sein Stillhalten verlangte er die Hansestädte Danzig und Thorn. Und tatsächlich teilten Russland und Preußen ein zweites Mal nach 1772 polnische Territorien untereinander auf.

Anders als bei der ersten Polnischen Teilung fanden sich die polnischen Revolutionäre diesmal mit dem Landraub nicht ab. Sie begehrten auf. Doch Russland war übermächtig und die Revolutionäre chancenlos. Katharina die Große ließ den polnischen Aufstand mit preußischer Unterstützung brutal niederschlagen. Danach hatte Polen seine Eigenständigkeit verloren und war nur noch Verhandlungsmasse zwischen den Großmächten. Wie Komplizen nach einem geglückten Raubzug teilten Russland, Preußen und Österreich im Januar 1795 die restlichen Territorien untereinander auf. Der aufgelöste polnische Staat verschwand für 123 Jahre von der Landkarte Europas. Polen lebte nur im Credo seiner Revolutionäre weiter: „Noch ist Polen nicht verloren…“. Bis heute die ersten Worte der polnischen Nationalhymne.

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1795 war Preußen bankrott und sein Herrscher todkrank. Mit Gicht, einem Wasserbauch und ständigen Schmerzen schleppte sich Friedrich Wilhelm II. durch seine letzten Jahre. Um wenigstens das finanzielle Überleben seines Staates zu retten, musste er die Konflikte begrenzen. In Abwägung möglicher Zugeständnisse schmerzte der Verlust der preußischen Gebiete links des Niederrheins am wenigsten. Zumal die Franzosen in Geheimverhandlungen versicherten, sich nach einem Sieg gegen den Kaiser dafür einzusetzen, dass Preußen mit anderen deutschen Territorien entschädigt würde. In diesem Sinne schloss Friedrich Wilhelm einen Separatfrieden mit Frankreich und schied 1795 entkräftet aus dem Krieg gegen die Revolution aus.

Mit seinem Rückzug ließ Preußen Österreich im Stich und teilte das Deutsche Reich in zwei Blöcke. Die nördlichen Fürstentümer schlossen sich dem preußischen Rückzug an und stellten ihre Kampfhandlungen gegen Frankreich ein. Die südlichen Fürstentümer kämpften weiterhin an der Seite Österreichs.

War der preußische Rückzug schon der Anfang vom Ende des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation? Darüber spreche ich mit Professor Daniel Schönpflug vom Wissenschaftskolleg zu Berlin.

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