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#77 Bismarck und das Deutsche Reich

Mit Christoph Nonn: Am 18. Januar 1871 wurde im Siegelsaal von Versailles das Deutsche Kaiserreich ausgerufen. 65 Jahre nach dem Untergang des Heiligen Römischen Reiches entstand das Deutsche Kaiserreich unter der Führung des preußischen Königs. Otto von Bismarck war der Gründungskanzler des Deutschen Kaiserreiches. Aber war er auch der Gründer? Wieviel Strategie oder wieviel Zufall steckte hinter den drei Kriegen, die Österreich ausschlossen und schließlich alle anderen deutschen Staaten hinter der Idee eines Deutschen Kaiserreiches versammelten?

1862 ernannte Wilhelm I. der König von Preußen Otto von Bismarck zum Ministerpräsident von Preußen. Bismarck war ein erzkonservativer Politiker, der im preußischen Landtag mit Verve die Positionen der Aristokraten und des Königs vertrat.

© Von André Bockmann – Bismarck-Stiftung, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=99334189

Nach Stationen als Gesandter beim Deutschen Bund, in Paris und Russland ernannte ihn der König zu seinem Regierungschef in Preußen. Keine zehn Jahre später rief der preußische König im Spiegelsaal von Versailles das Deutsche Kaiserreich aus. Wie kam es dazu?

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1863 starb der dänische König ohne männliche Nachkommen. Der Streit um die Thronfolge in Dänemark geriet bald in den Strudel der damals neuen nationalen Ideen. Dänische und deutsche Nationalisten rangen um die Zukunft von Holstein. Denn seit dem Mittelalter gehörte Holstein zum Heiligen Römischen Reich, wurde aber vom dänischen König regiert. Das dänische Schleswig und das deutsche Holstein galten als „auf ewig ungeteilt“. Diese Zwitterposition war jahrhundertelang kein Problem , bis im 19. Jahrhundert die nationale Idee aufkam und die dänischen Nationalen Holstein für sich reklamierten und die Deutschen dagegen die Hoheit über gesamt Schleswig – Holstein beanspruchten. Der Nationalismus war kein auf Deutschland beschränkte Phänomen. Auch in Dänemark gab es nun Nationalisten, die nun für den dänischen Nationalstaat und sein Territorium kämpften.

Der Konflikt eskalierte und es kam 1864 zum Krieg zwischen Dänemark und dem Deutschen Bund. Das Bild oben Zeigt die Schlacht an den Düppeler Schanzen. Eine dänische Wehranlage, die die deutschen Soldaten erstürmten. Den Krieg gegen Dänemark führte Preußen zusammen mit Österreich.

Es dauerte nur wenige Monate bis die preußisch – österreichische Armee das dänische Militär besiegt und auf die Inseln vertreiben hatte. Preußen und Österreich verwalteten Schleswig-Holstein zunächst gemeinsam. Das ging aber nicht gut.Schließlich einigte man sich. Preußen übernahm die Verantwortung in Schleswig und Österreich verwaltete Holstein

Über die Verwaltung von Schleswig und Holstein geriet das Verhältnis zwischen Preußen und Österreich so weit in die Krise, dass ein Jahr später, 1866,  zwischen Ihnen ein Krieg ausbrach. Die Welfen in Hannover und das Königreich Sachsen schlugen sich auf die Seite Österreichs und kämpften gegen Preußen. Der Preußische Generalstabschef Helmuth von Moltke ließ an allen Fronten gleichzeitig kämpfen. Wenige Tage nachdem die Hannoveraner bei Langensalza kapitulierten, wurde das österreichische Heer in der Schlacht bei Königgrätz besiegt.

Von Georg Bleibtreu – Google Arts & Culture, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=130398271

Damit hatte Preußen den Deutschen Bund aufgelöst und unterstrich seine Vormachtstellung, indem es Hannover annektierte.

Die Familie der Welfen, eines der ältesten Adelsgeschlechter Europas, ging ins Exil. Das gerade neugebaute Schloss Marienburg wurde nur 10 Monate bewohnt und stand danach 80 Jahre leer. Neben Schlössern hinterließen die Welfen einen Staatsschatz, den Bismarck beschlagnahmte.

© Von Carsten Steger – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=137332392

Vier Jahr später kam es zum dritten Krieg, der das Reich schließlich einigte. Anlass war der Tod des spanischen Königs und der sich daraus entwickelnde Nachfolgestreit. Der König von Frankreich verlangte vom Preußischen König die schriftliche Garantie, dass niemals ein Mitglied der Familie Hohenzollern für den spanischen Thron kandidieren werde. Diese Forderung empfand man im Norddeutschen Bund als so beleidigend, dass man 1871 zu den Waffen gegen Frankreich griff.

© Von Alphonse de Neuville – Foto eines Gemäldes, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=63247445

Ein halbes Jahr nach Kriegsbeginn war Paris noch nicht erobert, aber Versailles schon besetzt. Am 18. Januar 1871 wurde im Spiegelsaal von Versailles der Preußische König zum Deutschen Kaiser ausgerufen. Das war natürlich kein spontanes Happening. Man war sich sicher, dass nun auch Bayern, Württemberg und Baden bei der Gründung des Deutschen Kaiserreichs dabei sein würden. Der Großherzog von Baden war der Schwiegersohn des zukünftigen Kaisers und Ludwig II., der König von Bayern, wurde mit Geld überzeugt. Für seine Zustimmung ließ er sich soviel bezahlen, dass er den Bau des Schlosses Neuschwanstein finanzieren konnte.

©C.Stadler/Bwag (talk / email), CC BY-SA 4.0 , via Wikimedia Commons

Der König von Preußen bekam noch am Vorabend des 18. Januar kalte Füße. Kurzzeitig weigerte er sich, den Kaisertitel am nächsten Tag anzunehmen. Er hatte Angst, dass sein Preußen im neuen Kaiserreich untergeht. Trotz der Zweifel erschien er zur Zeremonie am 18. Januar 1871.

© Von Anton von Werner – Museen Nord / Bismarck Museum: Picture, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2481294

Warum gaben Bayern, Württemberg und Baden ihre Eigenständigkeit auf? Warum kämpften die Sachsen und Welfen in Hannover gegen die preußische Dominanz? Und warum hatten sie am Ende keine Chance? Darüber spreche ich mit Christoph Nonn. Er hat eine lesenswerte Biografie über Bismarck verfasst und ist Professor für Neueste Geschichte an der Uni Düsseldorf.

Mit der „Zeitmaschine“ würde er gerne zur Reichsgründung am 18. Januar 1871 nach Versailles fliegen und mit Louis Stellmacher sprechen, dem Wachsoldaten. Im Bild von der Kaiserproklamation in Versailles steht er ganz vorne.

© Von Alphonse de Neuville – Foto eines Gemäldes, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=63247445

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