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#61 Der Prager Fenstersturz

Mit Herfried Münkler: Zwei Statthalter des böhmischen Königs und ein Sekretär wurden von einer aufgebrachten Menschenmenge aus dem Fenster der Prager Burg in den Burggraben geworfen. Sie landeten auf einem Misthaufen und überlebten den Sturz fast unversehrt. Wie kam es zum Fenstersturz kam und warum hatte der missglückte Mordversuch an den Statthaltern des böhmischen Königs das Potential ,  das gesamte römisch-deutsche Reich und halb Europa in einen verheerenden 30 Jahre dauernden Krieg zu stürzen?

Wir beginnen im Jahr 1617.  Der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, Matthias, war sterbenskrank. Der Habsburger residierte in Wien und nach der pessimistischen Prognose seiner Ärzte begann er, seinen Neffen, Ferdinand (Bild unten), zu seinem Nachfolger aufzubauen. Ferdinand sollte König von Böhmen, König von Ungarn und schließlich Kaiser des Heiligen Römischen Reiches werden.

©Justus Sustermans, Public domain, via Wikimedia Commons

Sie begannen die Übergabe mit der Herrschaft in Böhmen. Im Sommer 1617 wurde Ferdinand in der Nachfolge seines Onkels zum König von Böhmen gekrönt.

Allerdings waren die Böhmen mit ihrem neuen König gar nicht glücklich. Denn anders als sein Onkel war Ferdinand ein kompromissloser erzkonservativer Katholik, der unter seiner Herrschaft keine Protestanten akzeptierte. Und das ausgerechnet in Böhmen. Hier gab es die kirchenkritische Tradition der Hussiten, viele Lutheraner, und die Böhmen hatten sich schon von Ferdinands Vorvorgänger Religionsfreiheit ertrotzt.

Der Unmut der protestantischen böhmischen Stände gegen die autokratische intolerante Politik ihres neuen katholischen Königs, schlug am 23.Mai 1618 in einen Aufruhr um. Der König selbst residierte in Wien, deshalb entlud sich die Wut an seinen Statthaltern in der Prager Burg. Kurzerhand warfen die Aufständischen die beiden Statthalter und ihren Sekretär aus dem Fenster der Burg.

©Matthäus Merian, Public domain, via Wikimedia Commons

Man kann den Tatort noch heute besichtigen.

©DigitalExtropy, CC BY 3.0 , via Wikimedia Commons

Die Auseinandersetzung zwischen Protestanten und Katholiken hatte sich im gesamten römisch-deutschen Reich schon seit Jahrzehnten verschärft. Die protestantischen Fürsten und Städte hatten bereits ein militärisches Verteidigungsbündnis gegründet: die Protestantische Union. Dagegen hatten sich die katholischen Herrscher zur Katholischen Liga, dem gegnerischen Militärbündnis, zusammengeschlossen. Mit diesem Gemälde hat der Historienmaler Karl von Piloty die Gründung der Katholischen Liga nachempfunden.

©Karl von Piloty, Public domain, via Wikimedia Commons

Man sprach sich gegenseitig das Misstrauen aus.  Der Prager Fenstersturz war der vorläufige Höhepunkt dieser Entwicklung. Der Mordanschlag der böhmischen Protestanten auf die katholischen Statthalter ihres Königs entwickelte sich zur Staatsaffäre.

Denn die böhmischen Aufständischen beließen es nicht bei der Misshandlung der Statthalter. Sie erklärten den vor einem Jahr gekrönten König Ferdinand für abgesetzt und wählten den Chef der Protestantischen Union zu ihrem König. Friedrich V. war Pfalzgraf in Heidelberg und hatte mit Böhmen eigentlich nichts zu tun. Er war aber der führende Kopf der Protestanten im Reich. Friedrich selbst war Calvinist und verheiratet mit der protestantischen Tochter des englischen Königs. Zusammen bauten sie das Heidelberger Schloss prachtvoll aus und galten als das Traumpaar der Reformation.

©Michiel Jansz. van Mierevelt, Public domain, via Wikimedia Commons
©Workshop of Michiel Jansz. van Mierevelt, Public domain, via Wikimedia Commons

Ein Tag nachdem Friedrich zum König von Böhmen gewählt worden war, wurde der katholische Habsburger Ferdinand von den Kurfürsten in Frankfurt zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gewählt. Und Ferdinand wollte natürlich Böhmen zurück. Und mit diesem Konflikt um die Krone Böhmens begann der Dreißigjährige Krieg. Der Krieg um Böhmen war kurz. Er dauerte nur einen Winter lang, denn die katholische Seite war viel mächtiger aufgestellt. Kaiser Ferdinand hatte einen maßgeblichen Unterstützer, das war der Herzog von Bayern: Maximilian. Der hatte das Geld und die Truppen und engagierte einen erfahrenen Heerführer: Tilly

©Rijksmuseum, CC0, via Wikimedia Commons

Die zwei Armeen, das spanische Heer und das von Tilly angeführte Heer der katholischen Liga, schlugen die protestantischen Böhmen schnell und gründlich.  Die Schlacht am Weißen Berg entschied den Krieg. Der Verlierer, Friedrich V., floh mit seiner Frau von Prag nach Den Haag ins Exil. Die katholischen Sieger verspotteten ihn als „Winterkönig“.

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Der Sieg des Kaisers über den „Winterkönig“ hätte der Schlusspunkt dieses Konfliktes sein können. Allerdings gab es auf der katholischen Seite vor diesem Krieg Verabredungen, die nach dem Krieg eingelöst werden mussten.

©Pet. Iselburg, Public domain, via Wikimedia Commons

Der bayrische Herzog Maximilian hatte nämlich zwei zusätzliche  persönliche Kriegsziele, die der Kaiser ihm als Belohnung für seinen Kriegseinsatz versprochen hatte: Maximilian von Bayern wollte sein Territorium erweitern und beanspruchte die Oberpfalz für sich. Außerdem wollte er Kurfürst werden. Also in den Kreis der erlesenen Königswähler aufgenommen werden. Die Kurwürde hatte Friedrich V. aber noch inne. Denn er war zwar als König von Böhmen gescheitert, aber als Pfalzgraf war Friedrich formal noch Kurfürst und besaß die Oberpfalz.

Im Auftrag des bayrischen Herzogs marschierte Tilly zuerst in die Oberpfalz ein und eroberte im August 1622 Heidelberg. Es kam zu einer Orgie der Gewalt und Schändung, Die brutale Plünderung von Heidelberg verschaffte Tilly den Ruf eines Unmenschen. Hier ein Bild von der westlichen Befestigungsanlage Heidelbergs vor der Zerstörung der Stadt.

©Universitätsbibliothek Heidelberg, UB Grafische Sammlung

Anfang 1623 war der ehemalige Kopf der Protestanten, Friedrich V., nicht nur in Böhmen, sondern auch in seiner Heimat, der Pfalz, vollständig besiegt. Die Oberpfalz ging nach Bayern und der bayrische Herzog wurde zum Kurfürsten ernannt und Kaiser Ferdinand triumphierte. In der zeitgenössischen Karikatur sitzt er auf dem Heidelberger Weinfass und kotzt seine ehemaligen Territorien wieder aus.

©Unknown sourceUnknown source, Public domain, via Wikimedia Commons

Die Niederlage Friedrichs und der Protestanten hätte der Schlusspunkt der Auseinandersetzung sein können. Warum der Krieg in die nächste Runde ging und weitere 25 Jahre dauerte, besprechen wir in den nächsten Episoden dieses Podcasts.

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